Medien : Liebe in Zeiten des Terrors

TV-Film der Woche: „Grüße aus Kaschmir“ erzählt keine ganz normale Beziehungsgeschichte

Barbara Sichtermann

Schon wenn das Liebesglück nur mehr erwartet wird, hat es Gegner: ihre Angst, seine Angst um die Erfüllung, vor der Enttäuschung. Und wenn es unverhofft kommt, das Glück der Lust und des Verstehens, dann muss es gleich verteidigt werden: gegen eine liebesfeindliche Umwelt, gegen Neider, gegen Empfindlichkeiten und Missverständnisse, die das Paar selbst produziert. Wenn es also schon für eine ganz normale Zweierbeziehung so schwierig ist, zustande zu kommen und ihre Anfänge zu überleben, wie muss das dann erst für die katholische Lisa, Tontechnikerin in München, und den muslimischen Sharif, Ingenieur aus Kaschmir sein, die der Zufall und das erotische Feuer zusammenführen und die dann entdecken, dass sie in zwei Welten leben. Lisa möchte lieben und leben lassen, Sharif auch. Aber ihm obliegen historische Aufgaben: die einst von indischen Besatzern getöteten Eltern zu rächen und für sein unterdrücktes Volk zu kämpfen.

Unaufwendig, feinsinnig, poetisch hat Regisseur Miguel Alexandre das Buch von Harald Göckeritz umgesetzt. Unterstützt von den herausragenden Leistungen der Bernadette Heerwagen (Lisa) und des René Ifrah (Sharif) gelang ihm eine Filmerzählung über die Liebe in Zeiten des Terrors, an der alles stimmt: Aussage, Spannungsbogen, Atmosphäre. Das Schönste: Alexandre verzichtete weitgehend auf Effekte, wie sie der explosive Stoff nahe gelegt hätte, auf Szenen der Brutalität, der Gewalt, der Zerstörung. Das kennt man ja längst aus dem richtigen Leben und aus dem Fernsehen. „Grüße aus Kaschmir“ konnte Bilder des Schreckens voraussetzen und sich mit (umso stärker wirkenden) Anspielungen begnügen.

So sieht man Sharif die als Farbdosen getarnten Sprengstoffkanister in seinen Laster laden – das ist alles, was dem geplanten Terroranschlag an optischer Evidenz gegönnt wird. Damit gewinnt die Regie, gewinnt der Film Raum für sein eigentliches Anliegen: die Story von Lisa und ihrem Liebsten aus dem fernen Kaschmir.

Die beiden machen eine Reise. Sie fahren hinaus in die Berge, gehen in ein Hotel, verwöhnen einander. Es folgt ein Ausflug mit dem Wagen durch die herrliche winterliche Landschaft. Und plötzlich versperrt da etwas die Landstraße: zwei Autos, eins mit den Rädern nach oben, das andere brennend. Ein Unfall. Sharif stoppt, steigt aus, befiehlt Lisa, zurückzubleiben. Furchtlos und gekonnt befreit er die Fahrer aus den zerbeulten Vehikeln. Für beide kommt jede Hilfe zu spät. Lisa erstarrt. Wie gewandt sich Sharif an der Unfallstelle bewegt, wie ungerührt. „Ich habe gekämpft“, sagt er – und den Tod kennen gelernt.

Jetzt erfährt Lisa, was sie geahnt hat, aber nicht so recht wahrhaben wollte und doch wissen muss: dass Sharifs Vorleben ein Totentanz gewesen ist, der ohne ihn weitergeht. Und dass dieses alte Leben nach ihm fahndet und ihn wiederhaben will. Lisa kann nun der Übermacht der Verhältnisse nichts entgegensetzen. Nicht einmal das Kind, das sie erwartet, bewahrt Sharif vor der Rückkehr in den archaischen Teufelskreis der Gewalt. Das alles erzählen Autor Göckeritz und Regisseur Alexandre ohne Spektakel, ohne Pathos, ohne Draufdrücker. Ihnen genügt als Metapher für die Gewalt jener Autounfall. Und dann haben sie ja die Gesichter ihrer wunderbaren Protagonisten.

Damit die beiden fantastischen Welten der Liebe (Lisa und Sharif) und der Gewalt (Sharif) durch das Realitätsprinzip geerdet werden, ist der Geschichte eine Krimihandlung beigegeben. Kommissar Hollerbusch jagt Sharifs terroristischen Bruder und observiert von Beginn an das junge Paar als mögliche Kontaktpersonen. Und Lisas Freundin Tanja ist als Stimme der Vernunft mit von der Partie der Normalität.

In deren Tristesse landet Lisa am Ende, traurig und still. Aber da ist ja noch das Kind, das sie jetzt bereit ist zu behalten. Es ist eine Art Pfand dafür, dass selbst eine unmögliche Liebe ihre Stunde der Verwirklichung kennt.

„Grüße aus Kaschmir“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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