Medien : Liebe, Rache und Raserei

Tom Peuckert

Unter einsamen Männern spielt Matthias Scheligas Hörspiel „Schnecks Heimweg“. Vielleicht sind die Insassen des kirchlichen Wohnheims noch gar nicht alt, trotzdem haben sie sich in ein bizarres Greisenleben geflüchtet. Ein General kommandiert seine Mitbewohner, ein Künstler räsoniert wirr, ein Forscher forscht im Imaginären. Wie sich herausstellt, sind es heimatvertriebene Ex-Ossis, die im kirchlichen Asyl ihr Leben mit Sandkastenspielen verbringen. Als einer der ihren auf den Tod erkrankt, kommt Unruhe ins Kollektiv. Scheligas Geschichte fesselt durch rabenschwarzen Existenzialismus und grotesken Humor (Kulturradio, 25. November, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Von den fabelhaften Leistungen der modernen Medizin erzählt Antje Bülls Feature „Ab 500 Gramm wird es ein Mensch“. Wie lange muss ein Menschenkind unbedingt im Leib der Mutter reifen, ab wann können Apparate einspringen? In den letzten Jahrzehnten hat sich die magische Grenze immer weiter nach vorn geschoben. Was noch vor wenigen Generationen keine Chance gehabt hätte, wird nun irgendwie aufgepäppelt. Ein weites Feld zwischen individuell brennendem Kinderwunsch und den sozialen Dimensionen eines radikalen Eingriffs in natürliche Abläufe. Die Autorin hat zwei „risikoschwangere“ Frauen im Krankenhaus begleitet (Kulturradio, 26. November, 9 Uhr 05).

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Der eine nimmt in seinen Fantasien unaufhörlich Rache an der Welt. Der andere läuft zweimal im Jahr zum Gericht, weil die Feinde bestraft werden müssen. Ein dritter schwingt im Vollrausch die Fäuste, um es den Widersachern heimzuzahlen. Alle werden sie beseelt vom Geist der Rache. Dem düsteren Phänomen hat Burkhard Plemper eine Lange Radionacht mit dem Titel „Bis zum bitteren Ende?“ gewidmet. Wir erfahren fast alles über den Rachedurst in Geschichte und Gegenwart. Die Kulturen versuchen Rache auf ihre Weise zu institutionalisieren und damit zu zähmen. Aber der trübe Strom tritt immer wieder über die Ufer. Plemper hat Experten und Betroffene aller Coleur vor sein Mikrofon geholt (Deutschlandfunk, 26. November, ab 23 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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Nach Charlie Chaplins Tod im Jahr 1977 versuchen Ganoven, den Leichnam des berühmten Schauspielers zu stehlen. Man möchte von Chaplins wohlhabender Familie ein Lösegeld erpressen. Der Coup scheitert, aber in Sabine Bohnens und Bernd Breitbachs amüsantem Krimi „Charlies Himmelfahrt“ versuchen es drei kauzige Kleinkriminelle noch einmal. Weil Eddy, Küssel und Neumann bei ihren letzten Fischzügen nur kümmerliche Beute gemacht haben, soll nun auf einem Genfer Friedhof das ganz große Ding laufen (Deutschlandradio Kultur, 27. November, 15 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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Im Hörspiel „Der Planet“ stellt Autor Jewgenij Grischkowez seine Hauptfigur ans Fenster. Ein einsamer Mann in der nächtlichen Großstadt. Am erleuchteten Fenster gegenüber steht eine Frau, die ausgiebig telefoniert. Der Mann beobachtet sie. Im furiosen Monolog träumt er von einer unerhörten Begegnung mit der unbekannten Schönen. All seine Sehnsüchte wirft er auf dieses unbekannte Wesen. Die ganze Welt macht er jetzt mit dem Kopf unsicher. Ein Stück über die Liebe und alle Rasereien, die zu ihr gehören (SWR 2, 27. November, 16 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

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