LIEBE UND NICHTS ALS LIEBE : Mr. Right, verzweifelt gesucht

Generation Pilcher: Der „Frauenfilm“ ist ein Auslaufmodell, das nicht auslaufen will

Barbara Sichtermann
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Erst das Land, dann der Mann. Julia Whitman (Elisabeth Lanz) steht vor einem Neuanfang in Neuseeland. Foto: ZDF

Sonntagabend sehen die Leute fern. Für viele ist der „Tatort“ ein fester Termin. Aber auch das ZDF fährt sehr gute Quoten ein. Wie kommt das? Was haben die da für einen Treffer auf dem Sendeplatz?

Vormals gehörte er Rosamunde Pilcher. Dann kam Inga Lindström. Und jetzt haben sie Emilie Richards. Allen drei Autorinnen ist gemeinsam, dass sie Vorlagen für „Frauenfilme“ liefern. Was ist das für ein seltsames Genre? Etwa nichts als Herz-Schmerz? Das kann doch im Zeitalter der Emanzipation nicht mehr so sein.

Und in der Tat, es passiert eine Menge im ZDF-Frauenfilm: weite Reisen bis nach Neuseeland, grandiose Landschaften, schöne Tiere, große Gefühle und mancherlei Schicksalsschläge. Und die Frauen, um die es geht, haben hochinteressante Berufe. Sie sind Architektin, Verlegerin, Meeresbiologin – bei der Berufsausübung werden sie allerdings nur selten gezeigt. Egal, sie sind alle entschlusskräftig, reflektiert, hart im Nehmen und schön sowieso. Der Frauenfilm, so scheint es, zeigt spätestens seit Emilie Richards die Frau von heute: eine Persönlichkeit.

Oder? Das organisierende Zentrum des Frauenfilms, dem alle Handlungsstränge zustreben und in das sie schließlich münden, bleibt die Liebeserfüllung. „Bis ans Ende der Welt ist Julia Whitman gereist ...“ heißt es in der ZDF-Inhaltsangabe von „Das Paradies am Ende der Welt“. Man sieht die Heldin an Deck eines Schiffes, wie sie über das weite Meer blickt, und sie zieht sich ihren Ehering vom Finger und wirft ihn in die Wogen. Wow, denkt man, eine Frau hat die Freiheit gewählt, sie geht ihren Weg. Doch sie geht ihn nur bis zum nächsten Mann.

Aber, so könnte man einwenden, warum denn nicht? Ist Liebe etwa kein Thema, und spricht es nicht ebenfalls Männer an? Dass es um Liebe geht, daran liegt es nicht, dass Männer den Frauenfilm meiden. Es liegt daran, dass es sonst um nichts geht. Dass alle übrigen Handlungsstränge, sei es die Rettung der Pinguine oder die Fahrt übers Meer, diesem einen Zentrum untergeordnet sind. Und was das ganze, im Grunde überholte Genre reflektiert, ist immer noch die traditionelle Bestimmung der Frau zur Gattin, zur Liebenden, zur Mutter – und zu nichts anderem. Es darf vermutet werden, dass ein Gutteil des weiblichen Publikums sich den Frauenfilm mit nostalgischen Gefühlen reinzieht, dass er aus der Rückwärtsgewandtheit seinen Reiz und seine Quoten zieht. Ach, waren das Zeiten, als der „richtige Mann“ und sonst gar nichts das Leben einer Frau entschied. Nicht, dass man diese Zeiten zurückhaben wollte. Aber das Versprechen, das sie den Frauen gaben, war so schön ... (und wurde natürlich aufs Schändlichste gebrochen. Auch davon erzählt der Frauenfilm).

Man kommt dem Phänomen „Frauenfilm“ am besten dadurch näher, dass man fragt: Was ist denn eigentlich ein Männerfilm? Es gibt im Leben und im Film zwei dominante Typen von Spannung: die kämpferische und die erotische. Der Männerfilm beansprucht beide, wobei der Schwerpunkt auf der kämpferischen Spannung liegt. Beim Frauenfilm liegt der Schwerpunkt auf der erotischen Spannung und die kämpferische fehlt. Mit „kämpferischer Spannung“ ist hier nicht der Kampf der Gefühle und der Kampf um den Partner gemeint, wie er im Liebesfilm seinen Platz hat, sondern der Kampf Mann gegen Mann um die Macht – im Feld, im Beruf, auf den Straßen, im Ghetto, im Wahlkampf, im Weltraum, im Sport, unter Gegnern, unter Brüdern.

Zu den Männerfilmen gehören Kriegsfilme, Krimis, Thriller, Western, Fantasy-Filme, Mafiafilme etc. Die meisten kommen sehr gut ohne Frauen aus. Man drückt dann aber gerne eine Weibsperson in den Plot, um zur kämpferischen die erotische Spannung hinzuzufügen und so mehr Frauen vor den Schirm oder ins Kino zu locken. Die kämpferische Spannung – und die Mehrzahl aller Spielfilme lebt von ihr – entfaltet sich in einer Männerwelt unter Männern. Frauen können dabei sein, müssen aber nicht.

Zurück zum Frauenfilm: Könnte er auf den Mann verzichten wie der Männerfilm auf die Frau? Keineswegs, denn er hat ja nur diese eine, die erotische Spannung, und dafür ist der Mann vonnöten. Er steht sogar im Zentrum. Aber da steht er seltsam verloren rum. Jörg Schüttauf als Partner der Heldin verströmt in „Das Paradies ...“ nur einen Abglanz seiner herzhaften Virilität, während Elisabeth Lanz als Julia recht eindrucksvoll daherkommt. Das liegt daran, dass die Frau im Frauenfilm am rechten Platz scheint, während der Mann, der ja hier nur für die Frau da ist, von der ihn eigentlich kennzeichnenden kämpferischen Spannung abgeschnitten ist und deshalb wie ein Gespenst im Plot herumtapert. Für einen Schauspieler muss es nichts Ärgeres geben als in einem Frauenfilm den Mr. Right zu mimen.

Männer sind auf dieser Welt, um sich mit anderen Männern zu messen. In den Kampfpausen denken sie auch an Frauen, klar. Aber die sind nicht ihr erstrangiger Lebenszweck. Bei Frauen ist es andersrum: Ihr Lebenszweck sind die Männer, genauer: der „richtige Mann“. So jedenfalls charakterisieren uns das fiktionale Fernsehen und das Kino die Lebenswelten von Männern und Frauen, und es steckt darin immer noch viel Wahres. Trotz Emanzipation und Angleichung der Geschlechterrollen, trotz Alpha-Mädchen und Loser-Jungs.

Der Frauenfilm ist insofern ehrlich, als er zeigt, wie arm das Frauenleben im Vergleich zum Männerleben ist (respektive war), da ihm eine ganze Dimension – die der Macht und des Kampfes um sie – abgeht. Gerade weil sich das jetzt ändert, sehen womöglich jene (wenigen) Männer den Frauenfilm ganz gern, die finden, Frauen sollten sich in ihrer Selbstverwirklichung auf Herz und Haus (und Mann) beschränken.

Fazit: Der Frauenfilm ist definitiv ein Auslaufmodell. Aber Oldies und Retros machen Freude, und das Fernsehen hat ja nicht vornehmlich die Aufgabe, der Emanzipation voranzuhelfen. Sicher gibt es schon Filme, die Frauen dabei zeigen, wie sie ihren Fuß in die Welt der kämpferischen Spannung setzen und dabei scheitern oder obsiegen, je nachdem. Aber nicht am Sonntagabend im ZDF.

„Das Paradies am Ende der Welt“, ZDF, 20 Uhr 15

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