Medien : Liebe versetzt Mauern

ARD-Reihe über Paare, die sich nicht trennen ließen

Joachim Huber

Die Aufgabe einer Mauer ist es, Menschen zu trennen. Die Aufgabe der Berliner Mauer war es, Millionen Menschen zu trennen. Zwei davon waren Hartmut und Gerda Stachowitz, er aus Berlin-Charlottenburg, sie aus Berlin-Friedrichshagen. Sie verbringen ein Wochenende in West-Berlin, da beginnt am 13. August 1961 der Mauerbau. Ihr gemeinsamer Sohn Jörg ist bei den Großeltern im Ostteil. Gerda Stachowski fährt über die Sektorengrenze, Hartmut bleibt im Westen. Alles kein Zustand für zwei Menschen, die zu dritt, als Familie leben wollen. Hartmut Stachowitz beginnt die Flucht von Frau und Kind vorzubereiten. Gemeinsam soll die Familie durch einen Tunnel in den Westen entkommen. Ein West-Spitzel verrät alles, beide werden verhaftet, Sohn Jörg kommt in die Obhut des Staates. Schauprozess, später Freilassung, Arrangement mit dem Leben in der DDR, trotzdem bemühen sich die Stachowitz immer wieder um die Ausreise. Erst 1973, elf Jahre nach der missglückten Flucht, dürfen sie die DDR verlassen.

Es beginnt ein Leben in der Bundesrepublik, eine Existenz zwischen den Welten. „In Bielefeld, wo wir leben und gearbeitet haben, waren wir die Ost-Flüchtlinge, und wenn wieder in die DDR kamen, wurden wir als Staatsfeinde gesehen. Helden waren wir nirgendwo“, sagt Gerda Stachowitz bei der Pressevorführung des Films „... und plötzlich war die Mauer da“. Das mag bitter klingen, und doch ist die Verbitterung keineswegs die Grundstimmung dieser Familie. Über die Jahre und Jahrzehnte gewachsen sind die Verwunderung darüber, dass der Stasi-Spitzel von einst „ganz friedlich und unbehelligt seine Pension verzehren“ darf. Im früheren Osten wollen sie ihr Alter nicht verbringen, obwohl ihnen dort ein Haus, zunächst enteignet und dann zurückgegeben, gehört.

Der Film „... und plötzlich war die Mauer da“ gehört in die Kleinstreihe „Grenzenlose Liebe“ von WDR, MDR und RBB. Kleinstreihe deshalb, weil auf den Stachowitz-Film nur noch „Rendezvous im Schatten der Mauer“ folgt. Die Titel deuten bereits an, wofür die Protagonisten stehen – für unbedingte Liebe in Zeiten deutsch-deutscher Teilung.

Die Filme sind im besten Sinne „klein“, weil sie konzentriert sind. Der Auftakt „... und plötzlich war die Mauer da“ lebt von seinen und durch seine Akteure. So sehr es Regisseur und Autor Roland May darum zu tun ist, die Biografien filmisch zu „verflüssigen“, so sehr vertraut er auf die Ausstrahlungskraft von Hartmut und Gerda Stachowitz. Sie sind gute Erzähler, das Angeben ist nicht die Sache des Veterinärmediziners und der Architektin. Die üblichen Zeitzeugen aus Historie, Politik und Umfeld fehlen, die eingebauten Spielszenen sind sachdienlich und so einfallsreich wie möglich inszeniert, auch wenn tausendundeine Gefängnistür verschlossen wird oder anonyme Beine durchs Bild hasten. Das eingewobene Archivmaterial schafft den größeren historischen Rahmen. Der Film wirkt überlegt, bemüht, keine Helden zu erschaffen, wo sich die Stachowitz selbst nicht als Helden sehen. Sie wollten und wollen so leben, wie sie leben. Niemandem zum Gefallen, ihrer Liebe zur Erfüllung. Joachim Huber

„Grenzenlose Liebe: ... und plötzlich war die Mauer da“, 21 Uhr, ARD

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