Medien : „Lieber nicht am Telefon“

Thomas Roth, künftiger Leiter des ARD-Studios in Moskau, über Putin und russische Pressefreiheit

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Herr Roth, warum gehen Sie auf Ihre alten Tage freiwillig noch mal nach Moskau?

Na, so alt bin ich noch nicht. Aber natürlich deshalb, weil ich von Juli 1991 insgesamt acht Jahre lang bei unterschiedlichen Aufenthalten die Machtwechsel verfolgen konnte. Erst der Putsch gegen Gorbatschow, dann der Fall Jelzins, der Aufstieg Putins und nun, im März 2008, natürlich die Frage: Was passiert nach der Wahl? Wird Putin sein Amt tatsächlich loslassen? Diese Frage war für mich auch der Anreiz, den WDR zu bitten, dass ich nochmal nach Moskau gehen kann.

Wann haben Sie darum gebeten?

Vor mehreren Monaten. Und ich freue mich, dass es geklappt hat.

Sie sind also nicht traurig, dass Sie nicht unter der künftigen Intendantin Monika Piel Chefredakteur des WDR werden?

Nein, das bin ich nicht. Im Übrigen, um das mal zu sagen, verbindet mich mit Frau Piel seit über zehn Jahren ein überaus kollegiales und sehr herzliches persönliches Verhältnis. Ich habe keine Ahnung, woher einige Kollegen von Ihnen Differenzen zwischen uns hernehmen. Klar, die gibt es mal in der ARD, aber mit Frau Piel habe ich nun wirklich keine, nie gehabt. Im Gegenteil, ich schätze sie außerordentlich und freue mich, dass sie diese Lösung für mich gefunden hat.

Wie nett von ihr.

Ja, und die Sache hat ein Aperçu. Der WDR hat mir in Aussicht gestellt, danach, im Frühjahr 2009, als ARD-Studioleiter in New York arbeiten zu dürfen.

Glückwunsch!

Danke. Das ist wirklich eine tolle Lösung.

Erst mal geht’s aber nach Russland. Was ist das Land eigentlich heute: eine Demokratie, eine Diktatur, Neostalinismus?

Von allem etwas. Auf jeden Fall findet eine Sowjetisierung statt. Die Demokratie wird in Russland seit 1998 ganz klar wieder abgebaut, zugunsten eines autoritären Staates, in dem Geheimdienstleute und Armee eine außerordentlich große Rolle spielen. Das Parlament ist dort ein Scheinparlament, das keinerlei Kontrolle über den Präsidenten ausübt. Schauen Sie, unter Jelzin gab es bis ’98 noch eine echte Pressefreiheit. Die wurde unter Putin auf nahezu null runtergefahren, jedenfalls in den elektronischen Medien.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Die ist heute sehr viel schwieriger. Wir unterliegen keiner direkten Zensur, aber die Krisengebiete – Tschetschenien, zum Beispiel – sind derart abgeriegelt, dass reale Berichte dort kaum möglich sind. Man muss Leute kennen, die einem das sagen, was sich wirklich abspielt.

Welche Leute sind das?

Kontaktleute im Staatsapparat, in der Wirtschaft, in der kulturellen Elite. Und man sollte mit den normalen Bürgern sprechen, denen, die in den Vorstädten Moskaus und nicht im Zentrum leben.

Sind die Russen heute ängstlicher als früher, wenn sie mit Ihnen sprechen?

Ja, das merkt man eindeutig. Ich habe im letzten Jahr ganz oft den Satz gehört: „Ach, Thomas, lass uns darüber lieber nicht am Telefon reden.“ Das war in den neunziger Jahren undenkbar. Neulich hatte ich einen jüngeren russischen Kollegen bei mir im Büro sitzen, der sagte: „Du, ich will auswandern, hast du vielleicht einen Job für mich?“ Das Klima für russische Journalisten, sagt er, ist nicht so, dass man den Beruf dort noch vernünftig ausüben kann. Das sind Entwicklungen, die unter Putin begonnen haben und sich immer weiter zuspitzen.

Konnten Sie dem Kollegen helfen?

Erst mal nicht. Mal sehen, er spricht sehr gut Deutsch, das könnte helfen.

Das Gespräch führte Marc Felix Serrao

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