Medien : „Liebling“ Mitte

„Tempo“-Macher Peichl über sein Magazin aus Berlin

Christian Meier

Im Monbijoupark in Berlins Mitte fallen malerisch die Blätter von den Bäumen. Markus Peichl hat keine Zeit, ihnen dabei zuzusehen, auch wenn er das von seinem Schreibtisch aus könnte. Peichl hat selten Zeit. Er ist ein Vielarbeiter, war Chefredakteur der Zeitschriften „Wiener“ und „Tempo“, erfand die Talkshow „0137“ für Premiere und war Redaktionsleiter von „Beckmann“ im Ersten. Daneben ist er Fernsehproduzent und steht der LeadAcademy für Mediendesign vor, die jedes Jahr die besten Zeitschriften des Landes kürt.

Im Dezember 2006 sorgte Peichl noch einmal mit „Tempo“ für Aufsehen. Unter seiner Leitung erschien das 1996 eingestellte Lifestyle-Magazin zum zwanzigsten Gründungsjubiläum mit einer einmaligen Sondernummer. 240 000 Exemplare wurden damals gedruckt, 1996 hatte sich „Tempo“ rund 106 000 Mal verkauft.

Vor wenigen Wochen ist Peichl nun mit seiner Firma „Fifteen Minutes“ in ein großes Büro am Monbijouplatz gezogen. Zwar unterhält er noch in Hamburg ein Büro, doch Peichl lebt in Potsdam und mag Berlin. Hier hat er ein neues Projekt gefunden, an dem er sich abarbeiten kann: die Mode- und Kulturzeitung „Liebling“.

„Liebling“ erschien bisher nur vier Mal unter der Regie von Götz Offergeld und Rahel Morgen. Im vergangenen Jahr zeichnete die Lead Academy die Zeitung als einen der Newcomer des Jahres aus. Damals wurde Jury-Mitglied Peichl zum ersten Mal auf „Liebling“ aufmerksam. Das große Format, das schwere Zeitungspapier – Peichl nennt das Blatt „Print pur“ und ergänzt: „Das bin ich auch.“ Seitenfüllende Fotos und Illustrationen in Schwarz-Weiß dominierten die „Liebling“-Ausgaben, die Texte dazu fielen zuweilen ein wenig kryptisch aus. Es war vor allem die Plakativität der Bildsprache, die der in der Modebranche hervorragend vernetzte Offergeld ins Blatt brachte und damit „Liebling“ das gewisse Etwas verschaffte. Defizitär blieb der Verlag trotz einer wachsenden Fangemeinde.

Nachdem der „Spiegel“ ein Zeitschriftenprojekt beerdigte, das Peichl für den Hamburger Verlag entwickelt hatte, geriet „Liebling“ wieder in sein Blickfeld. Der gebürtige Österreicher übernahm zwei Drittel an der Liebling Verlag GmbH, der Rest blieb bei Offergeld. Als Ko-Chefredakteurin neben dem Gründer stieß gerade Anne Urbauer zum Team, die zuletzt Vize-Chefin der „Amica“ war. Peichl sagt, er wolle sich redaktionell heraushalten. Nur so viel: „Das neue ,Liebling‘ wird journalistischer, zugänglicher und leichter erschließbar als bisher.“ Weiterhin sind Mode, Film, Musik und Kunst die Themen, um die das Blatt, das künftig zehn Mal im Jahr erscheinen wird, kreist. Als Devise hat Peichl die Losung „Wert und Wertschätzung“ ausgegeben – die Redaktion beschäftige sich mit den Dingen, die sie möge und die ihr am Herzen lägen. Einen nennenswerten Online-Auftritt gibt es bewusst nicht. Peichl glaubt, dass der Hipness-Faktor von Printmedien bald schon wieder steigt.

„Liebling“ ist auch der Versuch, ein großes Independent-Magazin in Deutschland zu etablieren. Zwar ist die Szene der unabhängigen Zeitschriften in Deutschland ansehnlich, speziell in Berlin. Zur Szene gehören etwa „Dummy“, „Zoo Magazine“ oder „032c“. Eine wirkliche Relevanz hat jedoch keiner dieser Titel. Die Druckauflage von „Liebling“, das am Kiosk 2,80 Euro kosten wird, liegt bei 75 000 Exemplaren. Etwa ein Drittel möchte Peichl davon verkaufen. Ein Teil der Auflage wird in Läden wie „American Apparel“ oder dem „Quartier 206“ erhältlich sein. Peichl ist guter Dinge, dass der Neustart am 30. November gelingt. Auf einer Myspace-Seite im Netz haben sich schon mehr als 3300 „Freunde“ der Zeitung eingetragen. Ein Selbstgänger werde die Geschichte trotzdem nicht, sagt er. „Liebling“ sei „slow media“, man müsse sich dafür Zeit nehmen. Draußen, im Park, fallen die Blätter. Christian Meier

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