Medien : Lindenstraße unter Palmen

Nico Hofmann versucht sich an einer Serie: eine Robinson-Crusoe-Geschichte

Barbara Nolte

„Verschollen“ heißt die RTL-Serie, die heute Abend anläuft und intern den Namen „Verschoben“ trägt. Seit Monaten liegen die fertigen Folgen beim Sender und warten auf einen Programmplatz, was normalerweise darauf hindeutet, dass irgendetwas mit der Produktion nicht stimmt. In der Zwischenzeit drehte der renommierte amerikanische Drehbuchautor J.J. Abrams eine Serie mit einem ganz ähnlichen Plot: In beiden Fällen stranden Passagiere nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel und kommen die nächsten Jahre nicht weg. Seit Wochen lobt die Fachpresse Abrams Serie „Lost“. Und jetzt sieht es so aus, als wenn „Verschollen“ nur eine geklaute Idee wäre, eine dieser mutlosen Adaptionen, mit denen RTL sein Herbstprogramm bestreitet. Wie „Ballgefühl“, die groß angekündigte Fußballerfrauen-Seifenoper, die schon erfolgreich in England lief. Oder „Beauty Queen“, die Schönheitschirurgen-Serie mit Carsten Spengemann, die in der US-Version „Nip/Tuck“ viele Preise gewonnen hat.

Doch die Produzenten Nico Hofmann und Joachim Kosack planten die moderne Robinson-Crusoe-Geschichte bereits vor drei Jahren. Nirgends liegen Traum und Albtraum, Paradies und Kannibalen-Kakerlaken-Hölle so dicht beieinander wie auf einer einsamen, tropischen Insel.

Nirgends sonst sind Menschen so aufeinander angewiesen, können sich so nerven, quälen, aber auch frei von Konventionen lieben. Unzählige Bücher und Filme haben diese Themen durchgespielt („Blaue Lagune“, „Lord of the Flies“). Nur eine Serie gab es noch nicht. Dabei ist eine Insel für Soaps fast das natürliche Setting. Jede Soap spielt in einer kleinen, klar definierten Welt, aus der keiner heraus kann. Nur wenn sich die Protagonisten den Konflikten nicht entziehen können, entsteht Spannung.

Die einsame Insel, auf die es die deutschen Touristen verschlägt, liegt in Köln Ossendorf. Gar nicht weit von den Studios der Soaps „Verbotene Liebe“ und „Unter uns“. Auf 2500 Quadratmetern ließ RTL eine Landschaft aus Palmen, Felsen und Strand bauen. „Verschollen“ beginnt als rasanter Actionfilm: Die Passagiermaschine schaukelt durch ein Unwetter, zerschellt auf dem Meer, ein paar Passagiere retten sich auf Flugzeugteile, die meisten werden von Haien gefressen. Doch dann kommt es zum Bruch. Kaum auf der Insel, scheint die Sonne wieder und die Protagonisten trinken Wasser aus Muschelschalen, flirten oder lästern. Sie sind plänkelnde Soapcharaktere, so flach wie das knöcheltiefe Wasser der Lagune, höchstens ein bisschen verzweifelt, dabei ist doch von fast jedem ein Freund oder Verwandter gestorben.

Vielleicht liegt darin der Grund, warum RTL die Serie so lange liegen ließ. Es soll eben keine normale Soap werden, sondern das ganz große Ding. Die Studio-Insel war teuer, genauso das Casting. Für die 20 Rollen sprachen 600 Schauspieler vor. Und während RTL normalerweise nur vier Folgen einer Serie drehen lässt und nur bei guten Quoten weiterführt, sind diesmal schon 30 Folgen fertig. „Verschollen“ muss ein Erfolg werden. Auch für Nico Hofmann ist es wichtig. Kein deutscher Produzent macht so ambitionierte Filme wie er. Nur eine Serie fehlt ihm noch in seinem Portfolio, denn mit Serien verdient man viel Geld.

Weil Hofmann dahinter steckt, kann man sich kaum vorstellen, dass „Verschollen“ bleibt, was der Pilotfilm war: eine Dschungelshow mit anderen Mitteln. Vielleicht muss man ein bisschen Geduld haben, vielleicht schaut man die ersten Wochen besser „heute journal“ oder „Tagesthemen“, die gleichzeitig laufen. Ab Folge acht soll es wirklich spannend werden.

„Verschollen“ – der Pilotfilm: Montag, 21 Uhr 15, RTL

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