Lion Feuchtwanger : Vom Hofbräuhaus zum Pazifik

Ein Literaturschwerpunkt bei 3sat beweist: „Feuchtwanger lebt!“. Ebenfalls aufgezeigt wird, wie bedeutend die Rolle Marta Feuchtwangers im Leben ihres Mannes war.

Kathrin Hillgruber
Feuchtwanger
Weltbürger, notgedrungen. Lion Feuchtwanger musste vor den Nazis fliehen. Er ist nie wieder nach Deutschland gereist.Foto: epd

„Der kleine Meister“ nannte Thomas Mann ihn hämisch. Das war mehr als Spott unter Nachbarn im kalifornischen Exil während des Zweiten Weltkriegs: Der 1884 geborene Lion Feuchtwanger, von schmächtiger Statur, mit hoher Stimme, zeitlebens kränkelnd, rang seiner schwachen Konstitution und den denkbar abenteuerlichsten Lebensumständen ein großes Erzählwerk ab.

Fünfzig Jahre nach seinem Tod am 21. Dezember 1958 in Pacific Palisades haben Romane wie „Erfolg“ (1930), „Jud Süß“ oder „Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“ aus der sogenannten Revolutionstrilogie ab 1951 unvermindert Bestseller-Qualität. Sie wurden in zwanzig Sprachen übersetzt und erzielten Millionenauflagen – aus „Jud Süß“ wurde „Power“. „It’s nearly like Feuchtwanger“ lautete ein geflügeltes Wort im angelsächsischen Sprachraum, wo literarischer Anspruch und Unterhaltung bekanntlich kein Widerspruch sind.

Lion Feuchtwanger, Sohn eines jüdischen Margarinefabrikanten und „hellsichtiger Münchner“ (so Alt-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel), verließ seine geliebte Geburtsstadt 1925 mit Frau Marta und unter Einfluss des Freundes Bertolt Brecht in Richtung Berlin-Wilmersdorf. Dort baute sich der bibliomane Autor historischer Stoffe seine erste riesige Büchersammlung auf, die er 1933 komplett verlor. Dieser Umzug war der Auftakt eines „Nomadentums mit festen Häusern“, wie Marta Feuchtwangers Biograph Manfred Flügge den weiteren Lebensweg des ungewöhnlichen, 46 Jahre verheirateten Paares beschreibt.Der Verfasser der höchst anschaulichen Lebensstudie „Die vier Leben der Marta Feuchtwanger“ (Aufbau Verlag) ist einer von zahlreichen Experten und Zeitzeugen, die Herbert Krill in Deutschland und an den Exilstationen Südfrankreich und den USA für seine Dokumentation „Feuchtwanger lebt!“ befragte. Mit einem Blick vom Pazifikstrand auf die Villa Aurora und ihre 35 000 Bände umfassende Bibliothek eröffnet 3sat heute Abend einen sechsteiligen Literaturschwerpunkt zu Lion Feuchtwangers Todestag. Neben den zu Fernsehspiel-Klassikern gewordenen Verfilmungen wie „Die Geschwister Oppermann“ in der Regie von Egon Monk (17./18. Dezember) ist auch Konrad Wolfs bildertrunkenes Epos „Goya“ wiederzuerleben, eine deutsch-sowjetische Koproduktion aus dem Jahr 1971 und Parabel über den Künstler im Widerstand (20.12.).

„Ohne sie wäre er im Dunstkreis des Hofbräuhauses geblieben, eine Dilettantenfigur wie manche seiner Romanhelden“, schreibt Manfred Flügge über die couragierte Marta Feuchtwanger (1891-1987). Sie rettete ihren unsportlichen Mann mehrfach aus lebensgefährlichen Situationen und organisierte die Flucht vor den Nazis. 1905 vom bayerischen Prinzregenten Luitpold als beste Gymnastin Deutschlands ausgezeichnet, wurde Marta zu Lions „Außenministerin“, Cheflektorin und Fitnesstrainerin, wobei sie ihm etliche Seitensprünge zu verzeihen hatte.

Die Grande Dame des deutschen Exils machte die fürstliche Villa Aurora zum Zentrum desselben an der amerikanischen Westküste. Diesen weltoffenen und generösen Geist erleben heutzutage Künstler aus aller Welt, die als Stipendiaten in der Villa logieren. Im Gespräch mit Reinhart Hoffmeister kommt Marta Feuchtwanger als „Zeugin des Jahrhunderts“ zu Wort (21.12.).

„Feuchtwanger lebt!“, 21 Uhr 15, 3sat

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