Literarisches Drama : Quark ohne Sex

Die Möglichkeit einer Insel: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq verfilmt sein spannendes Werk gleich selber – und scheitert.

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Höhlenbewohner. Krater, interessant verrottete, tote Landschaften, bewegliche, braun-staubgraue Lava-Muster und ein schöner Mann namens Daniel (Benoit Magimel).
Höhlenbewohner. Krater, interessant verrottete, tote Landschaften, bewegliche, braun-staubgraue Lava-Muster und ein schöner Mann...Foto: Reinier van Brummeleen

Eines muss man Michel Houellebecq lassen: Kompromisslos ist er. Das bewies der französische Schriftsteller und Regisseur schon, als er vor sieben Jahren darauf bestand, die Verfilmung seines Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ selbst zu übernehmen und das Drehbuch dafür zu schreiben. Dafür überwarf er sich mit seinem angestammten Verlag und suchte sich einen neuen. Obwohl es mit dem Roman die Filmrechte erworben hatte, war das neue Verlagshaus dann aber nicht sehr überzeugt von Idee und Drehbuch des Films, was Houellebecq ein weiteres Mal den Verlag wechseln ließ.

Und seine Kompromisslosigkeit bewies er schließlich auch bei dem Dreh 2007 in Benidorm, Südspanien und Lanzarote. Von seinem Roman ist nicht mehr allzu viel geblieben, von dessen Lustigkeit, Quasselseligkeit, Zynismus. Strukturiert hat Houellebecq seinen Film vor allem mit dem Science-Fiction-Überbau des Romans. Der „Neo-Mensch“ Daniel25, der in einer unbestimmten Zukunft in seiner Höhle getrennt von den wenigen anderen Neo-Menschen auf der Welt lebt, versucht zu studieren, was seine Vorgänger auf der Erde alles so falsch gemacht haben.

All das aber, der Sex, die Jagd nach dem Geld, die Mediensauereien, hat Houellebecq konsequent weggelassen. Auch von dem Überdruss von Daniel25s Vorgänger Daniel1, dem Regisseur von Filmen wie „Lasst uns Miniröcke mit dem Fallschirm über Palästina abwerfen“, ist hier nicht die Rede, geschweige etwas zu sehen. Von seinem Überdruss an kontroversen Themen wie Rassismus, Pädophilie und Kannibalismus, die ihn schließlich in die Fänge der Elohimiten treiben, einer Sekte, die an der Züchtung besagter Neo-Menschen arbeitet.

Houellebecqs Film setzt ein mit dem Auftritt eines Ewiges-Leben-Predigers vor ein paar Landbewohnern irgendwo in Belgien, darunter im übrigen Michel Houellebecq selbst bei einem Cameo-Auftritt, in roter Trainingsjacke und mit Plastiktüte, ein Höhepunkt des Films.

Der Sohn des Predigers, Daniel 1, scheint eher gelangweilt, findet sich drei Jahre später aber mit seinem Vater bei einem verrückten Professor auf einer Urlaubsinsel wieder. Dieser arbeitet daran, das ewige Leben technisch möglich zu machen, und zwar in einem Transformationsprozess, der allenfalls zehn Minuten dauert. Zwischendrin gibt es einen mäßig lustigen Bikini-Wettbewerb, einen Blick auf Benidorms Bettenburgen, auch ein verzweifelt vergnügungssüchtiger Urlauber ist noch dabei. Doch meistens dräut und raunt und blubbert es in diesem Film nur, ohne viele Worte, versteht sich, und immer wieder befragt der Höhlenbewohner Daniel 25 sein Orakel. Weiterhin zu sehen: Krater, interessant verrottete, tote Landschaften, bewegliche, braun-staubgraue Lava-Muster. Die Welt nach dem Ende der Menschheit will halt bebildert werden.

Als Daniel 25 aber aus seiner Höhle ausbricht, um in der menschenleeren Landschaft wie der erste Mensch herumzustreifen und die ebenfalls wie der erste Mensch in der Landschaft herumstreifende Maria25 zu suchen, ist es um den Film geschehen. Von sehr, sehr Weitem darf man sich an Antonionis Klassiker „Zabriskie Point“ erinnert fühlen oder auch an Tarkowsky.

Man fragt sich aber schon, ob diese Sequenzen nun wahnsinnig öde sind oder einfach nur den festen Willen zur Kontemplation erfordern? Der Hund zumindest, dem Daniel25 begegnet und der sein treuer Begleiter wird, hat was, der ist toll. Von der bösen Dringlichkeit jedoch, die Houellebecqs Romane in ihren besten Momenten auszeichnen, den ganzen Fiesheiten und traurigen Vergeblichkeiten (wahre Liebe, wahres Glück, unmöglich!), ist hier nichts zu sehen.

„Die Möglichkeit einer Insel“, der Film, ist leider das geworden, was Michel Houllebecq mit seinen unterhaltsamen Romanen tunlichst vermeidet: ambitionierter Kunstquark.Gerrit Bartels

„Die Möglichkeit einer Insel“,

Arte, 23 Uhr 40

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