Medien : "Literarisches Quartett": "Die Sendung ist kaputt"

Robert Ide,Joachim Huber

Das Tischtuch ist zerschnitten. Sigrid Löffler hat das "Literarische Quartett" verlassen - für immer. Nach dem offen ausgetragenen Krach mit Fernsehpartner Marcel Reich-Ranicki wird es keinen gemeinsamen ZDF-Auftritt mehr geben. Alle Versuche des Mainzer Fernsehsenders, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln, sind gescheitert. Frau Löffler erklärte am Freitag gegenüber Intendant Dieter Stolte ihre Absage für das am Montag geplante klärende Gespräch im ZDF, an dem sie mit Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek teilnehmen sollte. Stolte reagierte "überrascht und enttäuscht".

Beim Gegenpart Reich-Ranicki hält sich die Trauer über den Abgang in Grenzen. "Selbstverständlich wird die Sendung weitergehen", sagte er dem Tagesspiegel. Er werde natürlich am Montag beim ZDF-Intendanten Stolte zum Gespräch erscheinen, um die Zukunft der Sendung zu diskutieren. Im Anschluss an das Krisentreffen will sich der 80-jährige "Literaturpapst" ausführlicher äußern. Fürs Erste belässt er es bei einer rhetorischen Frage: "Warum soll es ohne Frau Löffler nicht weitergehen?"

Die Kritikerin legte unterdessen in einem Beitrag für die "Süddeutsche Zeitung" die Gründe für ihren Ausstieg dar. Sie warf Reich-Ranicki vor, in den beiden vergangenen Sendungen die Spielregeln gebrochen zu haben. "Vom Meinungsstreit um die besten Bücher schaltete er um auf Diffamierungen und Schmähungen", schreibt sie. In der 67. Ausgabe des "Literarischen Quartetts" am 30. Juni war es zum Streit um einen erotischen Roman des japanischen Autors Haruki Murakami gekommen. Löffler hatte das Buch als "literarisches Fastfood" bezeichnet, woraufhin Reich-Ranicki ihr vorwarf, Probleme mit erotischer Literatur zu haben. Für Löffler, die sich bereits in der Sendung am 14. April mit Reich-Ranicki gestritten hatte ("Er hat sich telefonisch bei mir entschuldigt und Besserung versprochen."), war die Traditionssendung damit "ruiniert".

Das Fass zum Überlaufen brachten offenbar Reich-Ranickis öffentliche Äußerungen über die Kritikerin, die mehr als zwölf Jahre an seiner Seite saß. Die "Bunte" zitierte ihn mit den Worten, die Arbeit mit Löffler sei "eine Qual". Löffler bezeichnet das rückblickend als "medialen Amoklauf". Nach langem Schweigen schreitet sie nun ihrerseits zur Endabrechnung. "Die Sendung ist kaputt", schreibt Löffler. Den "Kaputtmachern" gehe es nur noch darum, "Krach zu machen". Schon vor fünf Jahren habe die Sendung durch das "konzertierte Niederschreien" des Grass-Romans "Ein weites Feld" vor dem Aus gestanden. Sigrid Löffler scheint genervt von Reich-Ranickis "autoritären Sprüchen" und vom ihrer Ansicht nach fehlenden Willen der Gegenseite, "zu zivilen Umgangsformen zurückzukehren". Hellmuth Karasek, der am Freitag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen war, nimmt sie von ihrer Kritik nicht aus.

Manfred Eichel, beim ZDF zuständig für das "Literarische Quartett", zeigte sich konsterniert. Er sagte dem Tagesspiegel, er habe aus dem anberaumten Montagsgespräch die "größte Hoffnung" gezogen, dass die Literatursendung mit dem Dreigestirn Reich-Ranicki/Karasek/Löffler weiterlaufen werde. Jetzt müsse "in großer Ruhe darüber geredet werden, wie die wichtigste Büchersendung im deutschen Fernsehen ihre Fortsetzung findet". Eichel wollte sich zu den Konsequenzen von Löfflers Ausstieg nichts sagen. Nach seiner Aussage wird die nächste Sendung am 18. August in Salzburg stattfinden. Eichel unterstrich den Willen des ZDF zur Fortführung. "Dieter Stolte hat Marcel Reich-Ranicki wieder und wieder versichert, dass er, Reich-Ranicki, über das Ende des Quartetts bestimmen werde." Sigrid Löffler jedenfalls hält das Programm für erledigt - "gleichgültig, ob das ZDF die Sendung nun einstellt oder sie bis Jahresende noch irgendwie hinzieht".

Manfred Eichel hatte vor zwei Wochen im Tagesspiegel-Interview erklärt, dass die Literatursendung nur in der Dreierkonstellation funktioniere: "Unbedingt! Wenn einer ausscheidet, ist es nicht mehr dieselbe Sendung. Es wäre eine schlechtere." Hinter den Kulissen werden inzwischen Namen von Nachfolgerinnen für Löffler gehandelt: zum einen die Journalistin und Autorin Elke Schmitter ("Frau Sartoris"), zum anderen "Zeit"-Literaturredakteurin Iris Radisch.

Sigrid Löffler, seit der ersten Sendung im Jahre 1988 ständige Teilnehmerin im "Literarischen Quartett", war am Freitag nicht zu sprechen. Auf dem Handy lief die Ansage: "Ihr gewünschter Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar."

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