Literatur : Im Namen der Zwiebel

Nach dem Aus für die „Vorleser“ sucht das ZDF nach neuen Literatur-Formaten. Fünfundsiebzig Minuten um 22 Uhr mit nicht verzopften, nicht verkopften und gewitzten Literaturkundigen, das muss doch machbar sein.

Rainer Moritz
Ich sag’s ja! Mit einer Hommage an Friedrich Schiller meldete sich „Das Literarische Quartett" mit Marcel Reich-Ranicki (r.) 2005 zu einem einmaligen Comeback zurück. Foto: dpa
Ich sag’s ja! Mit einer Hommage an Friedrich Schiller meldete sich „Das Literarische Quartett" mit Marcel Reich-Ranicki (r.) 2005...Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wer im November letzten Jahres so tollkühn gewesen wäre, auf den Fortbestand der ZDF-Literatursendung „Die Vorleser“ zu wetten, hätte sich mit bescheidensten Gewinnquoten begnügen müssen. Zu offensichtlich hatte es sich in den Monaten zuvor abgezeichnet, dass diesem leblosen, schlecht konzipierten Format keine Zukunft beschieden war, wenngleich die Redaktionsverantwortlichen noch wenige Wochen vor dem Ende im dunklen Keller pfiffen und die famose Qualität ihres Produktes priesen. Das Aus im Dezember für die nach und nach in die späte Nacht abgeschobenen „Vorleser“ war vorhersehbar wie die Saltimbocca-Dialoge einer Markus-Lanz-Kochsendung und ein weiterer Beleg für die Dauernot, die ARD und ZDF mit der Literatur haben.

Nachdem die Hoffnung, eine Büchersendung mit dem prominenten Gesicht Ulrich Wickerts erfolgreich zu platzieren, über Nacht zu Grabe getragen wurde, und Elke Heidenreich („Lesen!“) ihren Abgang selbst verschuldete, herrscht inzwischen, abgesehen von Denis Schecks Geisterstunden-Sendung „Druckfrisch“, eine literarische Ödnis, die den Zuständigen ein Armutszeugnis ausstellt. Die Gründe dafür sind schnell benannt: Wer Literatur ins Fernsehen bringen möchte, nicht mit dem Originalitätseifer der „Druckfrisch“-Redaktion konkurrieren und nicht wie Denis Scheck im Anzug in isländische Heißquellen steigen möchte, hat nur eine Wahl: Er muss die Eigenart von Literatur ernst nehmen und nicht so tun, als ließe sich über anspruchsvolle Romane im säuselnden Reinhold-Beckmann-Tremolo reden.

„Wer als Zwiebel geboren ist, kann nicht wie eine Rose blühen“ – diese Erkenntnis des kürzlich verstorbenen Sportreporters Hans-Joachim Rauschenbach gilt auch für Literatursendungen, deren Scheitern meist früh zu erkennen ist. Von Anfang an krankten die „Vorleser“ an vielerlei: an einem dümmlichen Titel, an einem unweigerlich zu Hektik führenden Übermaß zu besprechender Bücher, an dem Moderatorenduo Ijoma Mangold und Amelie Fried, das wie Lothar Matthäus und seine Gattinnen zusammenpasste, an der Wahnvorstellung, nur mit prominenten Gästen wie Mario Adorf Menschen für Prosa interessieren zu können, und am Fehlen jedes lustvollen ästhetischen (Streit-)Gesprächs.

Kaum einer hätte sich 2001, als das „Literarische Quartett“ eingestellt wurde, träumen lassen, dass zehn Jahre später Sehnsucht nach diesem simplen und letztlich überzeugenden Format erwachen könnte. In ihren lichten Momenten ging diese Runde mit Literatur im Fernsehen so um, wie man es tun sollte: Man konzentrierte sich auf zentrale Bücher, folgte nicht dem grassierenden Trend, alles über den grünen Klee zu loben und mit drei Halbsätzen abzuhandeln, polemisierte unverhohlen, ging zu persönlichen Angriffen über, mühte sich darum, ästhetische Fragen anzusprechen, verzichtete auf kreuzdämliche Einspielfilme und lud sich als Gast nicht lesebeflissene „Tatort“-Kommissare, sondern kompetente, diskussionsfreudige Literaturkritiker ein.

So einfach könnte das sein, wenn sich das ZDF „nach der Sommerpause“ wieder an die Literatur herantrauen möchte. Wer Fußball im Fernsehen sieht, erwartet, dass die wichtigsten Spiele und Entwicklungen gezeigt und analysiert werden. Warum gilt das nicht für Literatur? Warum bekommt ein 700-Seiten-Roman, der mehr über die Befindlichkeit unserer Gesellschaft aussagt als Westerwelles Heiligdreikönigsrede und der eher bleiben wird als der zehnte Hans-Olaf-Henkel-Aufguss, nicht einen angemessenen Rahmen? Warum erfahren wir kaum etwas über Bücher, die die Literatur einer Saison prägen, über Thomas Lehrs Roman „September. Fata Morgana“ oder Wiederentdeckungen wie Katherine Anne Porters „Das Narrenschiff“?

Dass man dafür nicht die Primetime am Samstagabend freischaufeln wird, versteht sich von selbst. Doch fünfundsiebzig Minuten um 22 Uhr mit nicht verzopften, nicht verkopften und gewitzten Literaturkundigen, das wäre machbar, das ergäbe Sendungen, die die Literatur nicht auf Talkshowniveau verkümmern ließen. Intendanten und Chefredakteure reden sonntags gerne über die Notwendigkeit der Leseförderung, über die Bedeutung des Mediums Buch und über andere schöne Dinge. Wenn es in der Praxis darum geht, diese Feiertagsgedanken umzusetzen, geschieht oft nichts. Wollte man den Zustand der Gegenwartsliteratur nach deren Resonanz im Fernsehen nachzeichnen, hielte man ein konturenarmes Klippschulbild in den Händen. Mal sehen, was man sich im ZDF während der Sommerferien so ausdenken wird. Wer blühende Rosen sehen will, sollte, wie gesagt, keine Gemüsezwiebeln anpflanzen. Ein Hexenwerk ist das nicht.

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