Literaturverfilmung : Nackte Poesie

Pascale Ferran übersetzt „Lady Chatterley“ in einen langen, leisen Liebesfilm.

Thilo Wydra

Oft schon nahm sich das Kino des 1928 publizierten Skandalromans „Lady Chatterley“ von D.H. Lawrence an. Die einschlägigen Filmtitel variierten dann von „Junge Lady Chatterley“ (1977) über „Lady Chatterleys Liebhaber“ (1980) bis hin zu „Lady Chatterley Story“ (1989) und „Lady Chatterleys Tochter“ (1995). Und allzu gerne wurde das Sujet softerotisch inszeniert, von männlichen Regisseuren. 2006 schließlich machte sich eine Frau daran, den Stoff zu verfilmen, die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Pascale Ferran, die bisher zwei Langfilme drehte, „Die Sandburg“ (1994) und „Zeit der Entscheidungen“ (1996), und etwa die Synchronregie bei Stanley Kubricks filmischem Vermächtnis „Eyes Wide Shut“ (2000) übernahm. Für ihr lange abgelehntes „Chatterley“-Projekt konnte Ferran schließlich Arte gewinnen, und fertigte zunächst eine 200-minütige, zweiteilige Fernsehfassung an sowie eine kürzere Version für das Kino. Die Kino-Fassung wurde in Paris inzwischen gleich mit fünf „Césars“ ausgezeichnet, den französischen „Oscars“.

Wie also inszeniert eine Frau diesen Stoff, diese Ménage-à-trois? Pascale Ferran, die sich zudem an der zweiten, unveröffentlichten Fassung des Lawrence-Romans orientiert, sie lässt sich vor allem Zeit, viel Zeit, alles scheint bei ihr im Fluss zu sein, alles geht seinen gemächlichen Gang. Eine Herausforderung an heutige Sehgewohnheiten. Oftmals streift die Kamera von Julien Hirsch – ebenfalls „César“-gekrönt – durch die Wiesen und Wälder nahe dem Landgut Wragby Hall, auf dem die Chatterleys leben. Büsche, Bäume, Bäche, Blüten – Pascale Ferran zeigt all dies in Details und in einer müßigen Epik. Und manchmal, da zieht sie die Tonspur hoch, etwa wenn der Regen auf das Laub prasselt, oder wenn Vögel zwitschern. Dann ist nichts anderes mehr wahrzunehmen. Sehr naturalistisch, sehr dem Realismus verpflichtet ist dieses lange leise Liebesdrama.

Es beginnt im Herbst 1921. Abgeschieden leben Constance (Marina Hands) und Clifford Chatterley (Hippolyte Girardot) auf dem Herrenhaus im Erzgrubengebiet Englands. Damit macht Clifford seine Minen-Geschäfte, Constance ist gelangweilt, erledigt mit den Bediensteten die Haushalts-Angelegenheiten, geht kaum mehr ihren beiden Hobbies nach, dem Klavierspiel und der Malerei. Sie verdurstet innerlich. Denn ihr geschäftiger Mann ist seit seiner Rückkehr aus dem Krieg zudem an den Rollstuhl gefesselt – die Beziehung ist eine sehr distanzierte, eine rein platonische zumal. Es ist ein inneres Gefängnis, in dem Constance lebt. So, wie es für ihren Gatten Clifford ein äußeres ist. Diesem doppelten Gefängnis entflieht Constance, als sie sich allmählich in den Wildhüter Parkin (Jean-Louis Coulloc’h) verliebt, eines Angestellten von Clifford, der auf dem weiten Grundstück in einer Waldhütte lebt. Zwei dem Stande nach Ungleiche. Zwei dem Herzen nach Gleiche. „Du hast die Gabe des Lebens“, sagt Constance viel später einmal zu Parkin, als sie im Grünen an einem Baum lehnen. „Und Du bist wie mein Haus“, sagt der unbehauste Wildhüter daraufhin zur Lady. Aus der Leidenschaft wurde längst Liebe. Und mit diesem Prozess wird die Inszenierung immer sanfter, geradezu zärtlich.

„Lady Chatterley“, Arte, 20 Uhr 40 und 22 Uhr 25

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