Medien : Live aus dem Studio

Die Fußball-Bundesliga braucht das Fernsehen. Braucht sie auch einen eigenen Bundesliga-Sender?

Joachim Huber

Die Lage der Liga ist nicht rosig. Das Fachblatt „Kicker“ hat vorgerechnet, dass jeder Verein der ersten und zweiten Bundesliga mit rund 24 Millionen Euro verschuldet ist. Unverschuldet sind die Profiklubs nicht in die Schuldenfalle geraten. Verwöhnt von ständig steigenden Fernsehhonoraren sind die Gehälter der Spieler und Funktionäre explodiert. Dann geriet der Rechte-Käufer Kirch-Media in die Insolvenz, was zu neuen Verträgen mit niedrigeren TV-Einnahmen führte. Für die Saison 2002/2003 und 2003/2004 zahlt Kirch-Media jeweils 290 Millionen Euro an die Deutsche Fußball-Liga (DFL).

Die Vereine mussten reagieren. Dieter Hoeneß, der Manager von Hertha BSC, sagt, „dort, wo sofort gebremst werden konnte, wurde auch gebremst“. Vor der Spielzeit 2001/2002 seien über 20 Millionen Euro in neue Spieler und Infrastruktur investiert worden, vor der laufenden Saison sei der Wert auf 3,6 Millionen Euro gesunken. Bei den Fernsehgeldern „sind wir mittelfristig an einer Grenze angelangt“, gibt Hoeneß an, trotzdem bleibt das Fernsehen für den Profi-Fußball ein entscheidender Partner. „Das Medium kann das sehr hochwertige Produkt Fußball in eine sehr breite Öffentlichkeit tragen.“ Das Medium ist über die Rechte direkter Finanzier und über das Fernsehbild indirekter Finanzier für Trikotwerbung, Sponsoren, Merchandising.

Die Insolvenz von Kirch-Media ist zwar ein besonderer Fall, doch befindet sich das gesamte Privatfernsehen in der Finanzkrise. Hoeneß sagt, „damit ist ein wichtiger Wettbewerber unter den Sendern geschwächt“. Zahlen bis zur finanziellen Ohnmacht wollen weder die Privatstationen noch die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Es mag schiere Taktik sein oder echte Zurückhaltung, aber die wilde Jagd nach jedem Fußball im Programm scheint vorüber zu sein. Die Sender haben ihre Interessen abgesteckt. Für das Erste stellt ARD-Sprecher Rüdiger Oppers fest: „Länderspiele der Nationalmannschaft, Pokalspiele sowie die großen EM- und WM-Turniere“. Event-Fußball im Ereignis-Fernsehen. An der Erstverwertung der Fußball-Bundesliga, beteuert Oppers, habe das Erste kein Interesse: „Wir wollen nicht alles machen, wir können nicht alles bezahlen.“ RTL, immerhin der Marktführer im deutschen Fernsehmarkt, plagt sich noch diese Saison mit der Champions League. Eine Fortsetzung soll es nur geben, falls die Rahmenbedingungen – Modus und Rechtepreis – die Kosten drücken. Mit Fußball verdient RTL kein Geld, Sat 1 auch nicht. Ganz anders sieht es beim Fernsehsport Nummer 2, der Formel 1, aus. Da verdient RTL gutes Geld, weshalb Sat 1 beim Rechtepoker für die Formel 1 ab 2004 mitbieten wird.

Derzeit ist die Berliner Privatstation der Erstverwerter der Fußball-Bundesliga im Free-TV. Ob sie das auch für die nächste Saison sein wird? Sprecherin Kristina Faßler betont, „wir werden erst im Frühjahr entscheiden, ob wir die Option für die nächste Saison ziehen werden“. Hoeneß hört die Botschaft wohl, glaubt aber an einen anderen Zeithorizont; noch vor Weihnachten werde sich der Sender entscheiden. Die Liga drängt, dezent, auch den Managern ist nicht entgangen, dass Sat 1 abwarten muss, bis der neue Mehrheitseigner der ProSiebenSat1Media AG gefunden ist und über ein weiteres Fußball-Investment befunden hat. Die Zwischenhändler der TV-Rechte, Infront Sports & Media AG (früher Kirch-Sport) um den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus und Günter Netzer, geben sich gelassen: „Wir sind zuversichtlich, den richtigen Preis und den richtigen Partner zu finden“, meint Louis-Dreyfus.

In der Prioritätenliste, die Hertha-Manager Hoeneß aufstellt, rangiert die Fußball-Show „ran“ hinter der Live-Berichterstattung des Abo-Fernsehens Premiere. Hoeneß gerät ins Schwärmen: „Das ist ein fantastisches Produkt auf höchstem technischen Niveau. Es gibt nichts Besseres.“ Fernsehen für 1,4 Millionen zahlende Fans, das Auswärtsspiel der eigenen Mannschaft im eigenen Fernsehsessel, eine Konferenz-Schaltung wie im Hörfunk… Bei aller Wertschätzung für die Free-TV-Sender, die jeden Spieltag rauf und runter berichten, spricht Hoeneß den Fans aus der Seele, wenn er sagt: „Premiere ist live.“

An der Multi-Kanal-Verwertung halten Manager und Liga fest. Einen Kanal könnten sie gar in die eigene Hand bekommen. Nach wie vor gilt die Option auf eine Beteiligung in Höhe von 25,1 Prozent am Deutschen Sport- Fernsehen DSF. Kirch-Media hatte der Deutschen Fußball-Liga nach dem Erwerb der Bundesliga-Rechte angeboten, diese Anteile zu übernehmen. Nimmt die Liga diese Option, die wenigstens bis Jahresende gilt, nicht wahr, erhält sie in den nächsten vier Jahren rund fünf Millionen Euro pro Saison mehr für die Bundesliga-Rechte. Das sind rund 150 000 Euro pro Verein. Dagegen steht die Chance zum Einstieg, was der erste Schritt zu einem eigenen Bundesliga-Sender wäre. Die Liga-Verantwortlichen überlegen hin und her, ein Gutachten zu den Chancen und Risiken ist laut Hoeneß kurz vor der Fertigstellung. Den Ergebnissen will der Hertha-Manager nicht vorgreifen, er betont aber, dass für die Sender bei einem DSF-Engagement keine Kosten entstehen dürfen.

Stefan Ziffzer ist Geschäftsführer des Deutschen Sport-Fernsehens in Unterföhring bei München. Gebeutelt von dem Etikett „defizitärer Spartensender“, weist er auf die „schwarze Null“ zum Ende dieses Geschäftsjahres hin und stellt für 2004 eine „ordentliche Umsatzrendite“ in Aussicht. Ziffzer sehnt das Engagement der Deutschen Fußball-Liga herbei. Seinen Angaben nach steht das Modell für eine Beteiligung: „Die Liga steigt für einen Euro ein und wird zum Senderbudget jährlich fünf Millionen Euro beitragen.“ Auf jeden der 36 Profiklubs entfielen dann Kosten in Höhe von 150 000 Euro. Ziffzer weiß, dass die Summe den Umsatzkrösus FC Bayern München nicht umwerfen wird, aber schon beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig zu Sorgenfalten führen könnte: „Die Bayern sollten 220 000 Euro zahlen, Braunschweig 70 000 Euro“, lautet Ziffzers Vorschlag.

Seiner Ansicht nach muss es bei einem DFL-Engagement am Deutschen Sport-Fernsehen nicht bleiben. Schließlich möchte auch der Deutsche Sportbund einen eigenen Sportkanal gründen. Ziffzer steht bereit, er sieht viele, zu viele Sportrechte bei ARD und ZDF gebunkert und ungenutzt. Hier könnte das DSF mit großen Sendeflächen Abhilfe schaffen. Vor allen Plänen von Stefan Ziffzer, auch vor allem Engagement der Deutschen Fußball-Liga und des Deutschen Sportbundes steht eine große Tat: Wer erlöst das Deutsche Sportfernsehen aus der Insolvenzmasse der Kirch-Media? Ziffzer will noch mehrere Interessenten an der Hand haben. Welche im Einzelnen, sagt er nicht. Aber der französische Privatsender TF 1/Eurosport habe abgesagt, der amerikanische Sportsender ESPN und das deutsche Medienunternehmen EM.TV hielten ihr Interesse aufrecht. „Und wenn keiner will, dann machen wir es selber.“

Wenn der Gegenstand der Berichterstattung Gesellschafter der Berichterstatter wird, welche Form wird die Berichterstattung dann annehmen? DSF-Chef Ziffzer nimmt diese Bedenken ernst: „Ein parfümiertes Produkt ist der Anfang vom Ende.“

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