Medien : „Löwenzahn“, der im Fernsehen wächst

Immer neugierig auf die Neugier der Kinder: Peter Lustig verabschiedet sich vom Bildschirm

Eckart Lottmann

Noch ein paar neue „Löwenzahn“-Sendungen gibt es, dazu Wiederholungen und im Herbst einen richtig langen „Löwenzahn“-Spielfilm, aber dann ist Schluss mit Lustig. Fünfundzwanzig Jahre lang hat Peter Lustig das ZDF-Kinderprogramm geprägt, jetzt hört er auf. Lustig ist der verschmitzt lächelnde ältere Mann, der im Bauwagen auf der grünen Wiese lebt und den Kindern erklärt, wie die Welt funktioniert. Warum hat der Hund vier Beine? Lustig kann staunen, er fragt und findet Antworten. Eigentlich ist das Konzept der Sendung immer gleich geblieben, sagt Lustig. Er sei ein „Glückspilz“: „Ich konnte immer machen, was ich wollte, und kriegte auch noch Geld dafür.“ Lustig ist jetzt 67 Jahre alt, er hat über 200 „Löwenzahn“-Sendungen gemacht und will jetzt mal mehr Zeit für sich haben.

Das muss man wohl akzeptieren, und doch stimmt es etwas traurig. Wenn Lustig in „Löwenzahn“ etwas erklärte, dann hatte das keinen bemühten Ton, es klang nicht nach Lernen und Schule. Lustig konnte ein Problem so schildern, dass sogar Erwachsene gerne zuhörten. Und sich manchmal, nach Minuten erst, daran erinnerten, dass sie eine Kindersendung verfolgten.

Lustigs eigene Kindheit war nicht rosig. 1937 in Breslau geboren, musste er mit seiner Familie in den Westen fliehen. Von seinem Großvater, einem ehemaligen Straßenbahnführer, habe er alles gelernt, sagt Lustig. Vielleicht hat ihn sich Lustig zum Vorbild genommen für seine Rolle in „Löwenzahn“: „Ein lieber Typ, der Zeit hat und gern erzählt – wer hätte so jemanden nicht gern?“ Tausende von Briefen, E-Mails und kleinen Geschenken bekommt Lustig jedes Jahr von Kindern, die „Löwenzahn“ sehen, die weitaus meisten sind positiv. „Willst du nicht Mama heiraten?“ fragte ihn ein Mädchen. Nachdenklich machte Lustig die Karte eines Jungen, der schrieb: „Ich guck dich immer so gerne, weil da muss ich keine Angst haben.“ Nein, Angst kriegt man keine bei „Löwenzahn“. Da wird nicht geschossen und gemordet wie bei anderen Nachmittagsprogrammen, garantiert nicht.

Lustig hat Elektrotechnik studiert und arbeitete zunächst als freier Tonmeister beim ZDF. 1980, als Lustig bei „Löwenzahn“ anfing, war Kinderfernsehen seit Jahren heiß umstritten. Die Konkurrenzsendung „Sesamstraße“ war als Magazin aufgezogen, sie wollte Wissen über die Umwelt nur in kurzen Einspielfilmen vermitteln. „Löwenzahn“ wendete sich an schon etwas ältere Kinder, verfolgte aber auch eine andere Konzeption: Ein Thema, das in seinen unterschiedlichen Aspekten in der gesamten Sendung behandelt wird. Mit durchschnittlich 800 000 Zuschauern pro Sendung und einem Marktanteil unter den Kindern von über 16 Prozent ist „Löwenzahn“ auch heute erfolgreich.

Das anhaltende Interesse an der Sendung liegt sicherlich auch an „Frontmann“ Peter Lustig. Der ist selbst längst mehrfacher Großvater. Doch wer denkt, dass Lustig in der eigenen Familie ähnlich wirkungsvoll agiert wie im Fernsehen, der irrt. „Ich hatte leider Pech mit meinen drei Enkelinnen“, gibt Lustig zu. „Die spielten immer mit ihren Barbie-Puppen, und dann stand ich da mit meiner elektrischen Eisenbahn.“ Keine pädagogische Idylle also im Hause Lustig.

Hat Kinderfernsehen, so wie „Löwenzahn“ es macht, überhaupt eine langfristige Wirkung? Lustig setzt auf die wichtigste Eigenschaft der Kinder: ihre Neugier. Wenn man diese Neugier ernst nimmt und ihnen erklärt, warum etwas wie funktioniert, dann habe das auch Auswirkungen auf sie, wenn sie mal groß sind. Lustig grinst: „Vielleicht fragen sie sich dann mal: Haben wir die richtige Regierung?“

Eine Antwort auf diese Frage hat Lustig nicht, will sie zumindest nicht öffentlich machen. Er engagiert sich für die Erhaltung der Umwelt, das ist klar. Er hätte auch gerne noch weiter für „Löwenzahn“ vor der Kamera gestanden, gibt Lustig zu. Doch die Langzeitfolgen einer schweren Lungenerkrankung machen ihm doch zu schaffen. „Ich merke, dass ich jetzt, in meinem Alter, an meine Grenzen komme“, sagt Lustig. „Ich will nicht, dass man mir das anmerkt. Ich will auch nicht warten, bis man mich im Rollstuhl an den Set fährt.“ Wehmut will er trotzdem nicht aufkommen lassen, einen besonderen Abschied von den Kindern lehnt er ab.

Barbara Biermann, die für „Löwenzahn“ verantwortliche ZDF-Redakteurin, sucht nun den Nachfolger, oder die Nachfolgerin für Lustig. An der Grundkonzeption der Sendung will sie nichts Grundsätzliches ändern: „Man muss sich sehr bewusst sein, was es heißt, einen Klassiker zu haben.“ Das Wichtigste für den (die) Lustig-Nachfolger(in) sei: „Die eigene Persönlichkeit.“ Lustig selbst nimmt noch eine Prise Schnupftabak und lächelt fein.

„Löwenzahn“, 10 Uhr 15, ZDF

0 Kommentare

Neuester Kommentar