Löwenzahn : Der Kinderkracher

„Löwenzahn“-Moderator Guido Hammesfahr ist aus dem langen Schatten von Peter Lustig herausgetreten. Demnächst läuft bereits die 50. Folge mit "Fritz Fuchs". Ein Besuch am Set vor den Toren Berlins.

Elena Senft
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Guido Hammesfahr alias "Fritz Fuchs".Foto: ZDF

Wen kann man in wenigen Sekunden restlos von sich überzeugen, indem man ihm einen selbst gebauten Koffer präsentiert, den man in zwei Handgriffen in einen Roller verwandeln kann? Mit dem man dann auch noch umweltfreundlich und sportlich direkt vom Bahnhof nach Hause rollt? Peter Lustig, richtig, den ehemaligen Hauptdarsteller der ZDF-Kindersendung „Löwenzahn“. Der schnauzbärtige Öko in blauen Latzhosen, der Kindern erklärte, wie man aus Salinen Salz gewinnt und wie das mit den Sternen am Himmel eigentlich funktioniert. Peter Lustig war der Inbegriff von „Löwenzahn“ und deswegen haben sogar einige Redaktionsmitglieder gedacht, dass es mit „Löwenzahn“ wohl aus sei, als Peter Lustig 2006 aus gesundheitlichen Gründen seinen Abgang ankündigte.

Die Sorgen der Redaktion war unbegründet. Zwar soll Peter Lustig mittlerweile ganz andere Probleme haben, laut „Bild“-Zeitung muss er sein Haus verkaufen, weil Geld für den Unterhalt fehle. „Löwenzahn“ aber lief auch ohne Peter Lustig erfolgreich weiter. Im Oktober 2006 kam der Mann mit dem Rollerkoffer und mit ihm die Figur Fritz Fuchs, die in der Sendung den herrenlosen Bauwagen entdeckt und Peter Lustigs Erbe antrat: Guido Hammesfahr, der bis dahin freiberuflicher Schauspieler war, unter anderem bei „Ladykracher“. Die Quoten bei „Löwenzahn“ blieben auch nach dem Wechsel stabil. „Löwenzahn“ hält sich mit einem Marktanteil von zehn Prozent der Zuschauer zwischen drei und 13 Jahren. Durchschnittlich 80 000 Kinder gucken die Sendung am Samstagmorgen. Nur eines hat sich geändert: Es schauen nun mehr Mädchen zu, was auch an Guido Hammesfahr liegen könnte. Der ist Anfang 40, blond, blauäugig, sportlich und witzig. Er ist das, was Hammesfahr „moderner“ nennen würde, wenn er das Wort denn mögen würde.

Bei einer Sendung wie „Löwenzahn“, die so eng mit dem Namen Peter Lustig verbunden war, hatte Guido Hammesfahr am Anfang fast Angst, den blauen Bauwagen mit der zusammengezimmerten Treppe und den Blumenkästen zu betreten, weil der ja Peter Lustig gehörte. Ein riesiger Schatten, der erst langsam wegging, als Peter Lustig zu ihm sagte, er solle sich mal locker machen. Ähnlich ergeht es prominenten Gastschauspielern, die immer wieder mal bei „Löwenzahn“ mitspielen. Als beispielsweise Bettina Zimmermann einen Auftritt hatte, vergaß sie fast ihren Text, als sie Peter Lustig gegenüber stand.

Guido Hammesfahr kennt Peter Lustig aus dem Fernsehen schon lange. Als kleiner Junge im Westerwald leitete er sonntags den Kindergottesdienst und dozierte am Ende immer schneller, damit er pünktlich zu „Löwenzahn“ zu Hause war. Hammesfahr hat die Waschmaschinen seiner Mutter in ihre Einzelteile zerlegt, Wanduhren auseinander gebaut, kam stundenlang aus dem Wald nicht nach Hause und beschäftigt sich heute noch gern mit Hubschraubermodellen. Irgendwie wundert es nicht, dass er auf dem „Löwenzahn“-Drehgelände in Potsdam-Fahrland, das aussieht wie der lauschige „Löwenzahn“-Garten, in weinroten Arbeitshosen aus dem Bauwagen kommt und in einer Folge, die im Winter ausgestrahlt wird, den verantwortungsvollen Umgang mit Müll erklärt. Nachbar Paschulke, gespielt von Helmut Krauss, und Fritz Fuchs wetten, ob es möglich ist, eine Woche lang keinen Müll zu produzieren. Fuchs sagt natürlich, es sei möglich und baut aus dem Müll etwas Brauchbares: ein Windrad aus Plastikflaschen, einen Hundeball aus alten Socken, eine Rattenfalle aus zwei Konserven und einem Stein. Als Hammesfahr die Konstruktion der Rattenfalle nicht durchblickt, muss kurz pausiert und erklärt werden. Denn er ist so neugierig wie Fritz Fuchs. Fritz Fuchs ist weniger eigenbrötlerisch als Peter Lustig, der oft ein wenig kauzig und der Welt entrückt schien. Fritz Fuchs hat ein Sozialleben. Er hat einen Hund, eine Schwester, ein Handy, und es gibt die türkische Kioskbesitzerin Yasmin. Und der streitende Nachbar ist geblieben, der neugierig-skeptisch über den Zaun hinweg Fuchs’ Widerpart spielt und dem Fuchs jedes Mal beweist, dass es auch ökologisch wertvoll und nachhaltig geht.

Wenn Guido Hammesfahr Fritz Fuchs beschreiben soll, dann sagt er, der sei „offen, neugierig, positiv“. Was sich so leicht anhört, ist auch die große Schwierigkeit der Rolle. Eine Rolle, die innerhalb einer fiktionalen Geschichte ein reelles Problem erklären, gleichzeitig neugierig machen und zur Eigeninitiative anregen soll. Eine Figur muss er sein, der Kinderfragen stellt, trotzdem aber als Erwachsener wahrgenommen wird. Ein Mann, bei dem man sich nicht schämt, nachzufragen. Ein Mann, der immer wieder keine Antwort weiß und durch das „Try-and-error“-Prinzip ans Ziel gelangt. Das ist das Geheimnis von „Löwenzahn“, das sowohl Peter Lustig als auch Guido Hammesfahr beherrschen und das dazu führt, dass Kinder diese Sendung seit fast 30 Jahren noch toller finden als ihre Eltern, auch die 50. Folge mit Guido Hammesfahr, die im Herbst ausgestrahlt wird. Weil das alles auf Augenhöhe funktioniert, ohne Lehr-Sprüche. Nur einer sei am Ende erlaubt, weil er so gut passt: „Kindermund tut Wahrheit kund“.

„Löwenzahn“, Samstag, ZDF, 10 Uhr 35

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