Medien : Lothar und die Germanisten

Matthäus hat einen Trainerjob in Deutschland. In einer Dokusoap übt er mit Fußballbanausen

Simon Feldmer

Es ist sicher nicht einfach, Lothar Matthäus zu sein. Da hat man in seinem Leben wirklich was erreicht, schafft es vom fränkischen Herzogenaurach hinaus in die Welt, steigt vom gelernten Raumausstatter zum Weltfußballer und Multimillionär auf, ist ungarischer Nationaltrainer und fast so bekannt wie Franz Beckenbauer. Dann kommt RTL 2 auf einen zu, fragt, ob man sich aus Quotengründen mal kurz für zehn mal sechzig Sendeminuten zum Trottel machen wolle. Und man kann einfach nicht Nein sagen.

So steht man dann als Lothar Matthäus am Spielfeldrand eines kleinen Sportplatzes in der Nähe des Münchner Olympiastadions. Die Sonne brennt für diesen Sommer unverhältnismäßig stark auf den anthrazitfarbenen Maßanzug, und man wird von einem Haufen wild gewordener Semipromis über den Haufen gerannt. Gedreht wird die vierte Folge der RTL2-Dokusoap „Borussia Banana – Helden im Strafraum“, die am kommenden Dienstag zur Primetime startet. Gerade spielen Germanistikstudent Christian, Informatikkaufmann Alex, Pferdezüchter Justus und ihre Banana-Kollegen gegen eine RTL2-Prominentenmannschaft. Na ja, was an Promis wie Ex-„Herzblatt“-Moderator Pierre Geisensetter, Ex-Bundesliga-Profi Anthony Baffoe oder Giovanni von Bro’Sis eben für so etwas Zeit hat. Matthäus sitzt recht unbeweglich auf der Bank und schreit mehrere Male „Macht die Räume enger“. Die Banana-Jungs treten nach Kräften am Ball vorbei. Am Ende steht es 11:2 für die Promis. Immerhin rund fünf Minuten konnte man diese Vorführung lustig finden. Aber einen ganzen Herbst lang?

In zehn Folgen soll aus einer Truppe unbegabter Fußballlaien eine Mannschaft werden, die am Ende wenigstens ein Tor gegen eine Profimannschaft, vermutlich gegen den FC St. Pauli, schießen kann. „Wir haben junge Leute auf der Straße gecastet, die so gar nicht nach Fußball ausgesehen haben,“ sagt Holger Roost von der Produktionsfirma Tresor TV. „Teilweise hochintellektuelle Freaks, Nerds von der Straße,“ meint der „Borussia-Banana“-Produzent gefunden zu haben, „die bei uns zu Helden werden“. Die Kickerfrischlinge sollen nach und nach Ball, Tor und Starruhm kennen lernen. Sie nehmen an Workshops für Teambildung teil oder bekommen Personality-Coaching – alles vor der RTL2-Kamera. Lothar Matthäus, Roosts „Idealbesetzung“ als Zugpferd, hat hier sein erstes Trainerengagement in Deutschland klar gemacht.

RTL2 setzt nach einer schwachen ersten Jahreshälfte große Hoffnungen in den ehemaligen Bayern-Star und seine Anti-Fußballer. Die aktuelle „Big- Brother“-Dauerschleife lief lange mehr als mies und schaffte erst in jüngster Zeit manchmal über zehn Prozent Marktanteil – fast wie in guten Tagen. Reichlich Wirrwarr um die Ablösung des Senderchefs Josef Andorfer und Streitigkeiten innerhalb des Gesellschafterlagers verunsicherten den Werbemarkt. Und um die Reihe der vertrauensbildenden Maßnahmen komplett zu machen, hat sich der neue RTL2-Chef Jochen Starke seit seinem Amtsantritt im Februar noch gar kein einziges Mal gegenüber der Presse geäußert.

Auch die Gelegenheit, sich neben Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus, dem Star der Herbstoffensive, selbst ins Bild zu setzen, lässt Starke verstreichen. Er habe viel zu tun, heißt es bei RTL2. Formate wie „Frauentausch“, „Die Supermamas“ oder „Superfrauchen“ machen eben Arbeit. Die Leiterin Unterhaltung Katja Hofem-Best sagt, dass der Sender mit „Borussia Banana“ im Zuge der nahenden WM in Deutschland auf einen absoluten Trend setze. Die Mischung aus Comedy und Fußball soll „nicht nur klassisch fußballaffine Zuschauer“, also auch Frauen, vor den Fernseher locken. Quotenvorgaben macht Hofem-Best lieber keine, sagt nur: „Alles über Senderschnitt ist ein Erfolg.“

Dabei hat Tresor-TV-Inhaber Roost, der früher „Popstars“ produzierte und derzeit für Pro 7 Heidi Klums Superstar-Variante „Supermodel“ vorbereitet, mit der Anti-Fußballer-Soap „eines der Formate dieses Frühjahrs in Europa eingekauft“, wie er sagt. Erfunden wurde es in Dänemark bei einem Mini-Sender namens Zulu TV. Der „FC Zulu“ holte die dänische Nation vor die Glotze. Jetzt kommen nach und nach in den Niederlanden oder Italien eigene Versionen auf den Markt. Für den Trainerjob in Deutschland war natürlich auch Mario Basler im Gespräch. Aber: „Matthäus hat von Anfang an kapiert, dass das hier nicht so ernst gemeint ist,“ sagt Roost. Na wenigstens das. Im Gegensatz zum Kabel1-Format „Helden der Kreisklasse“ mit Manni Burgsmüller solle es bei „Borussia Banana“ ausschließlich um Spaß gehen. Das findet auch Matthäus, der den Grund für sein Mitwirken in die schönen Worte fasst: „Der Spaß ist meine Motivation. Ich will hier junge Leute an meinen Sport heranführen.“

Um seinen Ruf hat der Kapitän der Weltmeister-Mannschaft von 1990 dabei keine Angst, sagt er. Wahrscheinlich zu Recht. Auf einer Pressekonferenz nach dem Spiel, einem Teil der vierten Folge, tritt Matthäus so lange die üblichen Fußballerplattitüden wie „Kompliment an die Mannschaft“ oder „Wir haben noch Defizite im taktischen Bereich“ in einer Art schauspielerischen Darbietung breit, dass man ihn sich rasch wieder in die Hügel von Buda wünscht. Nur bei einer Frage hört für ihn dann doch der Spaß auf. Was denn der ungarische Fußballverband dazu sage, dass er sich mitten in der fast aussichtslosen WM-Qualifikation Zeit für RTL2 nehme? „Anders als andere, die sich im sonnigen Kalifornien auf dem Laufenden halten lassen, schaue ich mir die ungarische Liga immer im Stadion an“, blafft da der Weltmeister wie in alten Tagen zurück. Recht so. Für eine Klinsmann-Breitseite muss immer Zeit sein.

Witziger als Matthäus sind da schon die Männer von „Borussia Banana“. Zum Beispiel der wuschelköpfige Kapitän des Teams, Regiestudent Martin, der sich offenbar wirklich darüber freut, dass er an diesem Tag zum ersten Mal in seinem Leben Abseits erkannt hat. „Anders als viele Menschen in Deutschland können die Jungs noch über sich lachen,“ kommentiert ein weltmännischer Matthäus.

Man kann ihm nur die Daumen drücken, dass ihm das auch selbst gelingt.

„Borussia Banana – Helden im Strafraum!“, ab Dienstag, 20 Uhr 15, RTL 2

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