Louis Vuitton kauft "Le Parisien" : Neue Gespielinnen

Immer mehr französische Zeitungen kommen unter Kontrolle großer Unternehmen. Luis-Vuitton-Chef Bernard Arnaud verbindet damit durchaus unternehmerische Ziele.

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Taschen-Verlag. Die Zeitung „Le Parisien“ mit der Provinzausgabe „Aujourd’hui en France“ soll vom Luxusgüterkonzern Louis Vuitton Moët Hennessy übernommen werden.
Taschen-Verlag. Die Zeitung „Le Parisien“ mit der Provinzausgabe „Aujourd’hui en France“ soll vom Luxusgüterkonzern Louis Vuitton...Foto: AFP

Reiche Unternehmer in Frankreich leisteten sich einst „Danseuses“ als Gespielinnen, Tänzerinnen, vorzugsweise vom Ballett der Pariser Oper. In der Belle Epoque gehörte das einfach dazu. Heute schmücken erfolgreiche Bosse ihre Imperien mit Zeitungen. Jüngstes Bespiel ist die geplante Übernahme der Tageszeitung „Le Parisien“ mit ihrer Provinzausgabe „Aujourd’hui en France“ durch den Luxusgüterkonzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH). Doch statt um gesellschaftliches Prestige geht es Konzernchef Bernard Arnaud um eine durchaus seriöse unternehmerische Investition, die Frankreichs Presselandschaft weiter verändern wird.

Arnaud, der mit der Herstellung von teuren Handtaschen und anderen exklusiven Accessoires zum reichsten Mann Frankreichs wurde, gehört seit 2007 bereits die angesehene Wirtschafts- und Finanzzeitung „Les Echos“. Dass er dieses Medienstandbein jetzt durch den als Blatt für Concièrgen belächelten „Parisien“ ausbauen will, erscheint überraschend, doch der Sinn der Operation ergibt sich aus der starken Verbreitung des „Parisien“ mit etwa 378 000 Exemplaren und einem Millionen Leser zählenden Online-Publikum. Für Vertrieb und Anzeigen verheißt das neue Perspektiven. Die Redaktionen beider Titel sollen jedoch weiter getrennt und ihre Besonderheiten erhalten bleiben. Für 50 Millionen Euro kann Arnaud nach Meinung von Branchenkennern kein besseres Schnäppchen machen.

Dank der Pressekrise sind zuvor auch andere Unternehmer zu günstigen Konditionen ins Zeitungsgeschäft eingestiegen. Bekanntestes Beispiel ist der Rüstungsproduzent Dassault. Schon der Konzerngründer, der legendäre Flugzeugkonstrukteur Marcel Dassault, hatte sich nach dem Krieg die Zeitschrift „Jour de France“ als privates Hobby zugelegt. Sohn Serge trat 2004 in die Fußstapfen des Vaters und nahm die konservative Tageszeitung „Le Figaro“ in seine Regie. 2010 bewahrte ein von dem ehemaligen Modemanager Pierre Bergé, dem Telekommunikationsunternehmer Xavier Niel und dem Bankier Mathieu Pigasse gebildetes Aktionärstrio die hoch verschuldete Zeitung „Le Monde“ vor dem Untergang. Bei dem angeschlagenen linksliberalen Blatt „Libération“ stieg 2014 der Internetunternehmer Patrick Drahi ein. Ihm gehört auch die Wochenzeitschrift „L’Express“. Das Konkurrenzmagazin „Le Point“ hat den Milliardär und ehemaligen Kaufhauskönig François Pinault zum Eigentümer. Claude Perdriel, der Gründer des „Le Nouvel Observateur“, reichte vergangenes Jahr die Mehrheit der Anteile seines Verlags an die „Monde“-Aktionäre Bergé, Niel und Pigasse weiter. Zu erwähnen wäre auch noch der Fernsehsender TF1, bei dessen Privatisierung 1986 der Baukonzern Bouygues den Zuschlag für zwei Drittel des Kapitals erhielt. Alle namhaften französischen Presseunternehmen sind damit in der Hand großer Unternehmen.

Wie unabhängig bleibt die Redaktion?

Die Frage ist natürlich, wie sich dieser Tanz der Unternehmen mit den Medien auf die Unabhängigkeit der Redaktionen von den wirtschaftlichen und politischen Interessen der Eigner auswirkt. Die Antwort fällt da nicht leicht. Sie hängt auch von den Motiven der Investoren ab, ob sie sich, wie etwa bei „Le Monde“, als Mäzen für die finanzielle Rettung des angeschlagenen Blatts engagieren und der Redaktion ihre Unabhängigkeit lassen – was jedoch einen Konflikt zwischen Anteilseignern und Journalisten um die Bestellung eines neuen Redaktionsdirektors nicht verhindert hat–, oder ob sie es, wie der LVMH-Chef Arnaud beim „Parisien“, auf wirtschaftliche Synergien mit dem Kerngeschäft ihres Unternehmens abgesehen haben.

Klar ist dagegen die Lage beim „Figaro“. Dessen Verleger Dassault verkündete, er wolle „gewisse gesunde Ideen“ verbreiten, politische Ideen der Linken gehörten „gewiss“ nicht dazu. Für wirtschaftliche Interessen seines Unternehmens griff er wiederholt in die Arbeit der Redaktion ein. Journalisten, die sich im Namen der Objektivität über die stramme Unterstützung seines Blattes für den früheren konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy beschwerten, beschied er, sie könnten sich ja bei einem anderen Blatt verdingen.

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