Louise Boni-Verfilmung : Kommissarin mit Flachmann

Louise Boni ist eine unorthodoxe Kommissarin: Sie trinkt, hat ein verkorkstes Verhältnis zu ihrem Vater und ermittelt, obwohl sie suspendiert wurde. Kinderhandel in einem Zen-Kloster deckt sie trotzdem auf.

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Louise Boni (Melika Foroutan) wurde zwar suspendiert, ermittelt aber trotzdem.
Louise Boni (Melika Foroutan) wurde zwar suspendiert, ermittelt aber trotzdem.Foto: ARD

Es liegt eine ganz eigenartige Atmosphäre über diesen Bildern (Kamera: Bella Halben), die einen jungen japanischen Mönch zeigen, wie er über eine saftig grüne Wiese auf einen Wald zugeht. Es sind Bilder, teils in langen, ruhigen Einstellungen gehalten, mit einem Dahinter, mit einem im visuellen Untergrund mitschwingenden Subtext. Der Mönch, er trägt den Namen Taro (Aaron Le) und eine schwere Verletzung am Kopf, läuft direkt in den Wald hinein, und Louise Boni (Melika Foroutan), Kommissarin in Aachen und von ihrem Vorgesetzten Rolf Bermann (Anian Zollner) trotz Urlaubs damit beauftragt, die Sache zu überprüfen, läuft ihm hinterher. Dabei wartet Louise eigentlich auf ihren französischen Vater (Georges Claisse), der sie besuchen will. Vater und Tochter haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Mit gezückter Waffe hockt Louise mit dem Mönch im grauen Walddickicht, durch das sich Stimmen und Schatten ziehen. Ist der Mönch auf der Flucht? Und wenn ja, vor wem, und warum?

Im Buch ermittelt Boni in Freiburg, im Film in Aachen

Louises Smartphone klingelt. Sie zückt den Flachmann und setzt an. Ihr Zug verrät, dass der Flachmann ihr ständiger Begleiter ist. Als sie später dann am Kiosk steht, bevor sie ihren Vater am Bahnhof abholt, kauft sie ein halbes Dutzend Flaschen. Diese Ermittlerin ist eine Gebrochene, eine wenig Geradlinige. Ihr Mann hat sie sitzengelassen, ein Einsatz verlief tödlich. Louise spült das alles weg, immerzu. Haltlos. Rücksichtslos.

"Begierde - Mord im Zeichen des Zen" ist die erste Fernseh-Adaption des ersten Kriminalromans des Krimiautors Oliver Bottini, in dem Louise Boni die Protagonistin ist. Fünf weitere Boni-Krimis liegen inzwischen vor, ein sechster erscheint im Herbst 2015 bei DuMont. Den Bildschirm-Einstand der unorthodoxen Ermittlerin - die in den Büchern in Freiburg, in dem Fernsehfilm in Aachen wohnt und arbeitet -, hat Regisseurin Brigitte Maria Bertele nach einem Drehbuch von Hannah Hollinger inszeniert. Beide zeichnen sie für die herausragende Fernseh-Verfilmung von Stephan Thomes bei Suhrkamp erschienenem Roman "Grenzgang" (ARD) verantwortlich.

Boni entdeckt ein Zen-Kloster, das Adoptionen vermittelt

"Ich hab´ die Angst in seinen Augen gesehen" sagt Louise Boni einmal über den fliehenden Mönch. Das ließe sich ebenso über die von der aparten Melika Foroutan ("Der Mann mit dem Fagott", "Und dennoch lieben wir") dargestellte Kommissarin sagen: Mit flackerndem, fahrigen Blick in ihren dunkel ummalten Augen, handelt sie, wirkt dabei so ziellos wie haltlos. Ihrer Intuition folgend, alles aus dem Bauch heraus. Die Ratio ist sekundär. Einerseits. Andererseits ist da etwas Bestimmendes in ihr, etwas Aufrecht-Aufrichtiges. Eine offene Durchlässigkeit. Louise Boni: Eine Figur voller Ambivalenz und Abgründe. Eine Verlorene. Keine lineare Biographie, keine eindimensionale Erscheinung. Das ist vor allem auch der bestechenden, eindringlichen Interpretation durch Melika Foroutan zu verdanken.

Der Film ist daher auch kein veritabler Fall, kein klassisch strukturierter Krimi. Es geht eigentlich mehr um Louise Boni, um ihre innere Befindlichkeit, darum, wo sie herkommt, darum, wo sie hingeht. Das hebt sich erfreulich ab vom omnikompatiblen Krimi-Mainstream, der den Overkill längst erreicht hat. Dennoch: Die verschiedenen Handlungsfäden, die in der zweiten, deutlich stärkeren Hälfte zusammengeführt werden, wirken in der ersten Hälfte des Films etwas zu sehr mäandernd, so, als verzettele sich das Ganze dramaturgisch. Louise Boni wird schließlich auf ein Zen-Kloster stoßen, und auf eine Organisation, "Asile d´enfants", die asiatische Adoptivkinder an Europäer vermittelt. Sie wird einen Polizisten-Kollegen verlieren und an fragwürdige Adoptiv-Eltern geraten. Am meisten aber interessiert man sich für sie. Eigentlich ja ein gutes Zeichen.

"Begierde - Mord im Zeichen des Zen", Donnerstag, ARD, 20 Uhr 15

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