Medien : Lover trifft Ehegatte

Götz George und Burghart Klaußner als Rivalen

Barbara Sichtermann

Da steht ein Mann mit einem Blumenstrauß am Pier. Er weiß, dass seine Lena kommen wird. Sie kommt immer im November zu ihm nach Sylt. Doch diesmal bleibt sie aus. Der Mann geht nach Hause und steht am nächsten Tag abermals da, wo die Fähre anlegt. Wieder mit Blumen und wieder umsonst. Zur selben Zeit steht ein anderer Mann, ihr Ehemann, an Lenas Grab. Sie war unterwegs nach Sylt, wo sie erwartet wurde. Der Reisebus verunglückte, Lena gehört zu den Toten. Ihr Gatte, ein Pfarrer, muss nun zweierlei verkraften: dass er seine Ehefrau verloren hat und dass die Frau nicht, wie sie vorgab, seit Jahren den November in der Toskana verbracht hat, sondern im Norden, auf Sylt. Er findet in ihrem Gepäck einen Hinweis. Und fährt auf die Insel.

Dort begegnet er dem „Novembermann“, Henry, einem blinden Klavierspieler (Götz George), der so anders lebt und sich verhält als der biedere Pfarrer Droemer (Burghart Klaußner): spontan, musikalisch, gefühlvoll und gewöhnt an Einsamkeit. Droemer schleicht sich bei ihm als Klavierschüler ein. Als Henry ihn nach seinem Namen fragt, zögert er, heftet seinen suchenden Blick auf den Kühlschrank und sagt: „Bauknecht“. Droemer hat komplexe Gründe, Henry auf den Pelz zu rücken. Die anfängliche Eifersucht weicht der Teilnahme an dem exzentrischen Musikus. Schließlich ahnt er: Um zu verstehen, warum seine Lena mit ihm nicht völlig glücklich war und einen zweiten Mann brauchte, muss sich Droemer auf Henry einlassen.

Er tischt seinem Klavierlehrer eine Lüge nach der anderen auf. Der vertraut „Bauknecht“, erzählt von der Frau, die ihn einmal im Jahr besucht, von der er weder Adresse noch Telefonnummer weiß. Warum kommt sie diesmal nicht? Henry denkt an Selbstmord. „Bauknecht“, äußerst unchristlich, bestärkt den Verzweifelten noch. Er schickt ihm Lenas Ring und fingiert damit einen Abschied, den Lena nicht genommen hätte, den der Tod aber ja besiegelt hat. Dann begreift der Pfarrer, dass alles, was ihm von seiner Frau blieb, dieser verrückte blinde Klavierspieler ist. Am Ende sagt Henry: „Der Blinde, Bauknecht, das bist du.“ Doch jetzt lernt Droemer sehen.

„Der Novembermann“ ist, obwohl die Droemer-Tochter Susanne (Bernadette Heerwagen) zwischenzeitlich mit Kind dazukommt, ein Zwei-Personen-Stück. Und diese zwei Männer, die einander umkreisen, belauern und in die Enge treiben, sind so verschieden, wie man nur sein kann: ein Chaot und ein Pedant, ein Künstler und ein Bürger, ein Lover und ein Ehegatte werden da aufeinander losgelassen und liefern einen bravourösen Zweikampf ab. Die Frau, um die es geht, ist nicht mehr am Leben, aber sie ist immer da, fast könnte man sagen, dass sie aus dem Jenseits die Fäden zieht. Ihre Totenruhe findet sie erst, als ihre Männer erkennen, wie sinnlos ihr Kampf ist.

Klaußner und George bieten eindrucksvolle Charakterstudien. Jobst Oetzmann inszenierte das Duell der ungleichen Gegner mit viel Gespür für Wirkungschancen, die dem Kontrast entspringen. Ein sehenswertes Kammerspiel, in dem starke Gefühle ins Wort und in die Geste kommen und es der Darstellerin Barbara Auer, die als Lena nur ein paar kurze Szenen hat, gelingt, bis zum Schluss als Frau mit Doppelleben indirekt präsent zu bleiben.Barbara Sichtermann

„Der Novembermann“,

Arte, 20 Uhr 40

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