Medien : Luder auf dem Lande

„Simple Life“ führt vor, wie zwei Millionärstöchter durch Kuhmist stapfen. Reality-TV de Luxe boomt in den USA

Michalis Pantelouris

Die Nation will sie im Dreck sehen: Als der Fernsehsender Fox in den USA die erste Folge der Reality-Soap „Simple Life“ ausstrahlte, in der zwei reiche Mädchen aus der Großstadt auf einem Bauernhof zurecht kommen müssen, sahen mehr Menschen zu, als bei der zeitgleich auf einem anderen Sender ausgestrahlten Rede von Präsident George W. Bush zur Ergreifung Saddam Husseins. Die zwei Mädchen, die in Gummistiefeln durch Kuhmist stapften, waren für die Öffentlichkeit interessanter als die Weltpolitik. Dabei sind die Mädchen auch in den USA nicht sonderlich populär – eher im Gegenteil. Aber sie sind reich, weit jenseits der Träume von sechs Richtigen mit Zusatzzahl, Multimillionen Dollar reich. Diese beiden verwöhnten Societykinder im Mist waten zu sehen, das traf exakt den Nerv des Fernsehpublikums. Und folgerichtig ist Reiche-Kinder-Gucken ein Trend geworden.

Nicole Richie, 22, und Paris Hilton, 23, tragen berühmte Namen: Richie ist die Tochter von Lionel Richie, Popikone der Achtzigerjahre, Hiltons Urgroßvater gründete die Hilton-Hotelkette – und beide Mädchen stehen unter der Beobachtung der Boulevardpresse, seitdem sie alt genug sind, um zu tun, was von Mädchen ihres Standes erwartet wird: Partys feiern. Nicole Richie ist aufgefallen, als sie von der Polizei in Los Angeles in einem Auto gestoppt wurde, ohne Führerschein, dafür mit Heroin in der Tasche. Und Paris Hilton wurde regelrecht berühmt, als sie eines Abends vor der Tür eines Clubs aus dem Auto stieg und es dabei einem Fotografen gelang zu belegen, was sie selbst vorher preisgegeben hatte: Dass sie niemals Unterwäsche trägt. Alles in allem sind die beiden Freundinnen aus Privatschulzeiten in Beverly Hills genau das, was Zuschauer lieben zu hassen.

Auslöser Ozzy Osbourne

Es sind gleich drei Entwicklungen, die eine Sendung wie „Simple Life“ möglich gemacht haben. Zum einen hatte vor drei Jahren ein Verantwortlicher beim US-amerikanischen Musiksender MTV die Idee, Kameras im Haus des ehemaligen Heavy-Metal-Sängers Ozzy Osbourne zu installieren, und ihm und seiner Familie beim täglichen Leben zuzusehen. Die Sendung wurde ein grandioser Erfolg, der unzählige Imitationen anregte. Plötzlich ließen sich weltweit Prominente bei allem Möglichen filmen, von Playmate und Milliardenerbin Anna Nicole Smith, der Kameras beim Einkaufen nachliefen, bis zum Kommunarden Rainer Langhans, der im Lokalfernsehen mit seinen Freundinnen beim Abwaschen und Diskutieren verfolgt wurde. Doch während Ozzy Osbourne von Betäubungsmitteln unterhaltsam vernebelt ist und Kinder mit telegenen Persönlichkeitsstörungen gezeugt hat, erwies sich das Leben der meisten anderen Prominenten als eher langweilig.

In der nächsten Stufe des Paparazzi-Fernsehens wurden deshalb die prominenten Protagonisten künstlichen Strapazen ausgesetzt, wie in dem TV-Format „Ich bin ein Star - holt mich hier raus!", das vor allem davon lebt, dass die selbst ernannten Stars ekelhafte Insekten essen. Die erste Staffel der Sendung lief in Deutschland mit riesigen Einschaltquoten, doch auch bei dieser Show ist das Problem absehbar: Die Demütigung nimmt nur auf sich, wer es nötig hat – und das sind diejenigen Berühmtheiten jener Kategorien, die das Publikum sonst nicht sehen will. Und nun schlägt mitten in den Unterhaltungswildwuchs ein amerikanisches Phänomen, das viel schöner ist, als es sich jeder Fernsehproduzent hätte vorstellen können: Attraktive, reiche Kinder mit berühmten Namen brechen das letzte Tabu der öffentlichen Diskussion – sie reden über Geld.

Denn darum geht es in „Simple Life“: Paris und Nicole, die verwöhnten Mädchen aus der Stadt, sind nicht die Verlierer in dem Experiment. Ob die beiden tatsächlich das einfache Leben auf dem Land aushalten könnten, ist vollkommen irrelevant, weil sie es ja nicht müssen. Sie kehren nach 30 Tagen in ihre Häuser in Manhattan und Los Angeles zurück, aber nicht ohne der Welt mitzuteilen, dass sie Arbeit gar nicht nötig haben. Paris Hilton hält in einer Episode einen Wal-Mart für einen Mauerladen, einen „Wall Market", in dem man offenbar Ziegelsteine kaufen kann. Zumindest behauptet sie das. Ob sie tatsächlich die größte Supermarktkette der Welt nicht kennen kann, und das in den Vereinigten Staaten, wo sie allgegenwärtig ist, ist zumindest zweifelhaft. Aber die Botschaft ist klar: Sie muss nicht einkaufen. Dafür hat sie Personal. Denn selbst, wenn sie blöde ist - es geht ihr immer noch besser als jedem anderen im Land.

Warum, muss man sich fragen, tut sich das jemand an? Warum setzt sich jemand mutwillig der Gefahr aus, verlacht und gehasst zu werden? Wenn die C-Klasse-Prominenz der Dschungelshows um ein bisschen Ruhm, Geld und einen anschließenden Moderationsjob kämpft, ist das nachvollziehbar. Aber Multimillionäre, die jeden Abend in einer anderen Stadt Partys feiern, scheinen dabei nichts zu gewinnen zu haben.

Und Paris Hilton ist nur die Vorreiterin einer ganzen Bewegung: Die New Yorker Teenager Ally Hilfiger und Jaime Gleicher haben eine Serie für MTV produziert, „Rich Girls“, in der sie bei ihrem täglichen Leben beobachtet werden. Das heißt, beim Shoppen, beim Reden über Jungs und beim Heulen. Beide Mädchen stammen aus schwerreichen Familien (Ally ist die Tochter des Designers Tommy Hilfiger, Jaimes Vater besitzt ein Lederwaren-Imperium). Der Erbe des Pharmariesen Johnson&Johnson, Jamie Johnson, 24, hat den Dokumentarfilm „Born Rich“ über zehn seiner Freunde gedreht, in dem sie über ihr Leben als Superreiche philosophieren. Die Liste der Mitwirkenden umfasst die Erben des halben US-Geldadels, unter anderem den Erben des Vanderbilt-Imperiums, die Tochter des Medientycoons und New Yorker Bürgermeisters Bloomberg, die von Donald Trump und den Erben des Verlagsriesen Condé Nast (Vogue, Glamour, GQ).

Jamie Johnsons Onkel, Dirk Wittenborn, hat nicht nur „Born Rich“ produziert, sondern auch einen Roman geschrieben, der in der Welt der Superreichen spielt und angeblich auf wahren Verbrechen basiert („Unter Wilden“). Galt bis vor kurzem noch der Leitsatz, dass über Geld der nicht spricht, der es hat, scheint das Mitteilungsbedürfnis der jüngsten Erbengeneration unstillbar. Für Fernsehsender und Zuschauer ist das ein Quell der Freude, zumindest der Schadenfreude. Aber für die jungen Reichen?

Es gibt ein Element von Selbstverteidigung in „Born Rich“: Luke Weil, der zukünftige Erbe eines Lotterie-Imperiums, erzählt, was ihm schon beigebracht wurde, als er erst fünf Jahre alt war: „Mach einen Ehevertrag! Und wenn die kleine Schlampe etwas sagt wie: Eheverträge sind unromantisch, dann ist sie nur hinter meinem Geld her.“ Wer so aufwächst, so scheint es, kann der Welt den Spruch beweisen, dass Geld nicht glücklich macht. Aber, damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen, schreien sie uns auf allen Programmen entgegen: Es macht wenigstens reich.

„Simple Life" läuft ab dem 24. März jeden Mittwoch um 22 Uhr 15 Uhr auf Pro 7

„Rich Girls" kommt dienstags um 13 Uhr 30 und freitags um 17 Uhr 30 bei MTV

„Born Rich" soll noch im Jahr 2004 im deutschen Fernsehen zu sehen sein

„Unter Wilden" von Dirk Wittenborn ist erschienen bei DuMont und kostet 22,90 Euro

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