Medien : Lügenbaron von der Lippe

Der Entertainer gibt in seiner neuen ARD-Show den Märchenonkel für die ganze Familie

Thomas Gehringer

Es ist bei der ARD alles bestens angerichtet für das Samstagabend-Comeback des Jürgen von der Lippe. Die alte Spielstätte, das große Studio BS1 in Köln-Bocklemünd, wo der 55-jährige Spaßvogel aus dem Lippeland fürs Erste bis 2001 „Geld oder Liebe“ moderierte, ist in warme Farben getaucht, ganz in Orange und Rot. Auch WDR-Unterhaltungschef Axel Beyer spricht ein paar warme Worte, bezeichnet von der Lippe als jemanden, „der Kandidaten und Zuschauer in den Arm nimmt“. Und sogar ARD-Programmchef Günter Struve, der seine neue, alte Unterhaltungshoffnung noch vor einigen Monaten nicht mehr für Primetime-tauglich hielt („das ist ein Mann für 23 Uhr“), habe ihm „einen zauberhaften Willkommensgruß geschrieben, den ich ebenso reizend beantwortet habe“, sagt von der Lippe. Allerdings ist nicht ganz klar, ob diese Äußerung schon unter das Motto seiner neuen Show „Lippe blöfft“ fällt.

Man musste ja in den letzten Jahren wirklich viel Spaß verstehen, um die Unterhaltungsangebote der ARD unterhaltsam zu finden. Namentlich dem Hauptlieferanten WDR wollte nichts Rechtes einfallen. Aber zuletzt gelang mit „Pisa – Der Ländertest“ doch ein schöner Erfolg, und nachdem die verschiedenen Sender 2003 endlich eine gemeinsame Unterhaltungs-Redaktion einrichteten, wollte man der ARD beinahe wieder den Aufschwung zutrauen. Und wäre die Zeit nicht reif, wo sich doch andere im Dschungel verrennen und die private Fließband-Produktion von Superstars in absehbarer Zeit das Publikum ermüden wird? Was aber macht die ARD? Sie präsentiert mit Jürgen von der Lippe am Samstagabend wieder den etwas in die Jahre gekommenen Hawaii-Hemd-Humor. Das klingt nicht nach Aufbruchstimmung oder Innovation, eher nach einer Art unfreiwilliger Retro-Show.

Bei „Lippe blöfft“ führen nicht die drei Rate-Kandidaten im Studio ungewöhnliche Fähigkeiten vor, sondern die Gäste wie etwa „die elfjährige Gitti, die mehr Flicflacs aufs Parkett legen kann als ein Zirkusakrobat“. Bevor das Mädchen vorturnt, werden die Kandidaten gefragt, ob sich „in jeder Tasche von Gittis Latzhose fünf Vogelspinnen befinden“? So geht es fort: Von der Lippe erzählt kurios klingende Geschichten und die Kandidaten müssen bis zu 20 Mal raten, ob der Gastgeber die Wahrheit sagt oder blöfft. Wer dabei die meisten Punkte sammelt, hat am Ende als Erster die Wahl aus mehreren Preisen. Geplant sind von „Lippe blöfft“ noch zwei weitere Ausgaben am 24. April und am 2. Oktober.

Die Frage „wahr oder unwahr?“ ist weder neu noch originell, aber eine bewährte Spielidee für Shows, die die ganze Familie erreichen wollen. Insofern sieht der Moderator „Lippe blöfft“ durchaus als Alternative zu „Wetten, dass …?“, wenn auch „nicht ganz in derselben Größenordnung, das wäre vermessen“, sagt er. Welche Größenordnung, sprich: Quote, er erreichen soll, will die ARD angeblich nicht vorgeben. Von der Lippe betont in Köln: „Es ist schön, wieder zu Hause sein.“ Das sei im übertragenen Sinne „sicherlich die ARD“, aber man darf das auch wörtlich verstehen. Hier kenne er jeden Bühnenarbeiter, die Pförtner und das Reinigungspersonal.

Soviel Wonnegefühl war nicht unbedingt zu erwarten; Denn von der Lippe hatte vor gut zwei Jahren der ARD verärgert den Rücken gekehrt. Weil der vor Entscheidungsträgern nur so strotzende Senderverbund ein „lahmer Haufen“ sei und „weil ich nicht hofiert wurde“, zählt von der Lippe seine Gründe von damals auf. „Mittlerweile weiß ich, dass überhaupt niemand hofiert wird“, sagt er nun. Erstaunlich eigentlich, dass jemand, der seit 1980 mit Show-Moderationen, Sitcoms und Comedy-Shows im Fernseh-Geschäft unterwegs ist, dies nicht schon zuvor bemerkt hat. Jedenfalls war es wohl eine lehrreiche Zeit, als er verschiedenes bei Sat 1 versuchte, dabei dem Comedy-Jahresrückblick „Wer zuletzt lacht“ zum Erfolg verhalf, aber die Prominenten-Spielshow „Blind Dinner“ in den Sand setzte.

Nun irrlichtert er ein wenig durch die Programme, taucht als mäßig komischer „Heiland auf dem Eiland“ bei RTL auf, war kürzlich bei Sat 1 mit „Wer zuletzt lacht“ und auch beim MDR als Talk-Gastgeber („Jetzt ist Kachelmann dran“) zu sehen. Sein TV-Standbein – neben dem Bühnenprogramm „Alles was ich liebe“ – hat er aber wieder beim WDR, was sicher auch mit der Rückkehr von Unterhaltungschef Axel Beyer von Endemol („Big Brother“) zum Kölner Sender zu tun hat. Außer „Lippe blöfft“ wird der in Berlin lebende Moderator im dritten WDR-Programm vorerst zwei weitere Ausgaben seiner Bücher-Sendung namens „Was liest du?“ präsentieren. Neu aufgelegt wird auch sein Überraschungs-Talk „Wat is?“, mit dem von der Lippe zwischen 1995 und 2000 gleich 188 Mal solide unterhielt. Dass ohne viel Federlesen zehn Folgen bewilligt wurden, kommentiert er mit der Bemerkung: Das sei „geradezu ein Schnellschuss“. Mehr als sanften Spott gibt es von ihm über die ARD nicht zu hören.

„Lippe blöfft“: ARD, 20 Uhr 15

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