Medien : Lustig vom Thron

Vielleicht fällt deswegen die WM 2006 aus - aber dafür ist Harald Schmidt immer noch komisch

Barbara Nolte[Köln]

Als erstes war Schmidts Stimme zu hören. „Wir wollen die Sendung nicht unterbrechen“, sagte diese alte, gepresste Schmidtsche Stimme zum Publikum im Studio, noch bevor die Aufzeichnungsbänder angelaufen waren, „wenn Sie in den nächsten 45 Minuten sterben, bitte sinken sie lautlos in sich zusammen.“

Die Stimme drang aus einem Fernseher, der im Foyer eines Studios in Köln Mülheim aufgehängt war. Zu sehen war nichts. Der Bildschirm war schwarz. Schmidt saß hinter einer blauen Feuertür keine zwanzig Meter entfernt. Erst um Punkt vier Uhr, zu Beginn der Sendung, die gestern Nachmittag vorproduziert und um viertel vor zehn in der ARD ausgestrahlt wurde, gab es auch auf dem Foyer-Fernseher Schmidt im Bild. Und es war überraschend. Schmidt sah aus wie ein ergrautes Exemplar des WM-Maskottchens Goleo: Das Gesicht vom Bart zugewuchtet, die Haare so lang, dass er sich einen Pferdeschwanz binden kann, was er auch tat.

Dieses absurde Robinson-Crusoe-hafte Aussehen lenkte davon ab, dass fast alles, jedenfalls alles von Belang so war wie in der „Harald-Schmidt-Show“, die vor genau einem Jahr bei Sat1 ausgelaufen war: Schmidt hat wieder eine Band, nur ohne Helmut Zerlett. Er hat denselben Schreibtisch, denselben Lederstuhl und zu seiner Linken Kompagnon Manuel Andrack in seiner identischen verwaschenen Jeansjacke. Die Show wird sogar im selben Haus aufgezeichnet. Nur dass die Fahnen, die vor den Fenstern schlaff im Kölner Winterregen hingen, jetzt den Aufdruck „Das Erste“ trugen. Nicht gerade viel versprechend: Kann sich in einem Jahr so wenig getan haben?

Mit gemischten Gefühlen waren viele schon hingefahren. So euphorisch wie im vergangenen Winter konnte die Stimmung zu Schmidt natürlich nicht bleiben. Die renommiertesten Journalisten des Landes lieferten sich damals einen Wettstreit, wer das originellste Lob, wer die klügste Huldigung für ihn findet. So als könnte man Schmidts Glanz mit ein bisschen Geschick auf sich selbst zurückspiegeln. Vielleicht waren alle Superlative gesagt. Vielleicht haben die Journalisten es ihm übel genommen, dass er sich ihnen total entzog. Sie sollten nicht einmal zur Aufzeichnung kommen dürfen. Alle Karten wurden regulär verkauft. Am Nikolausmorgen um 8 Uhr 00 konnte man sie bestellen, um 8 Uhr 03 waren sie weg. Vielleicht war auch seine hohe Gage der Grund des ersten Unbehagens – 140000 Euro bekommt er angeblich pro Show. Der „Spiegel“ setzte am Montag mit einem Vorab-Verriss den neuen Ton. Schmidt, so kann man die Stimmung vielleicht zusammenfassen, hat sich aus der fernen Südsee oder aus Singapur oder aus New York, an welch kapriziösen Ziel seiner Weltreise er sich auch aufhielt, von seinen Adlaten Manuel Andrack und Fred Kogel einen wahren Thron zimmern lassen.

Nur: Auf einen Thron ist man nur schwerlich lustig. Schmidt hat das wohl gemerkt. Die erste Kurskorrektur kam am Montag, die Journalisten wurden wieder eingeladen, wenigstens ins Foyer. Und gestern in seiner Show las er eine – fiktive – Emnid-Umfrage vor. Frage: „Wollen die Menschen Harald Schmidt wiederhaben, auch wenn dann der Solidaritätszuschlag verdreifacht wird und die WM in Deutschland entfällt?“ „97 Prozent sagen ja“, sagte Schmidt und grinste breit. Die alte Selbstironie. Das Studiopublikum trampelte, sie waren begeistert, was nicht viel bedeutet, bei Anke Engelke war im Studio auch immer gute Stimmung.

Harald Schmidt las von der Homepage des neuen CDU-Generalsekretärs Volker Kauder vor. Er erriet Menschen, die in seiner Abwesenheit prominent geworden waren. Andrack hatte eine Dia-Kollektion zusammengestellt. Schmidt machte bessere und weniger gute Witze, er griff sogar einmal in die Böttinger-Klobrillen-Schublade, als er zu einem Dia von Désirée Nick sagt: „Ach, ich dachte, das ist der Arsch von Anuschka Renzi.“ Es war erstaunlich, wie wenig er sich von der größten Erwartungshaltung, die es wohl jemals im deutschen Fernsehen gab, beirren ließ. Und langsam fingen auch die Journalisten, die eigentlich hektisch mitschreiben mussten, zu lachen an. Einer hatte in der letzten Viertelstunde einen Lachanfall. Die alte Lebensregel, dass man niemals dort anknüpfen kann, wo man aufgehört hat, stimmt also offenbar nicht immer. Schmidts Witze sind immer noch komisch.

Die Sensation war ausgefallen. Trotzdem ist Schmidt, der ab 19. Januar zwei Mal die Woche kommt, immer noch ein großer Gewinn fürs deutsche Fernsehen.

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