Medien : Mach’s noch einmal, Fitz

Der ungewöhnliche Krimi-Psychologe, 9/11 und das Trauma eines Ex-Soldaten

Markus Ehrenberg

Er ist zynisch und dick. Er raucht eine Zigarette nach der anderen, Alkohol ist sein ständiger Begleiter. Er spielt obsessiv, betrügt, beleidigt seine Frau und andere Menschen, die ihm nahestehen oder es gut mit ihm meinen. Er ist ein Ekelpakat, das jeden gemütlichen Abend, jedes gemütliche Gespräch versaut. Er ist – für alle Fälle Fitz.

Wie haben wir uns nach diesem Mann, nach diesem ungewöhnlichsten aller Krimihelden zurückgesehnt. Autorenstar Jimmy McGovern hat zum Jahrestag des 11. September eine Extra-Folge um den Psychologen Dr. Edward Fitzgerald alias Robbie Coltrane geschrieben, zehn Jahre nach dessen Abschied. Mit all dem, was die preisgekrönte Kultserie der 90er- Jahre ausgezeichnet hat: eine kühne Geschichte, atemberaubende Regie, wilder Zorn, grimmiger Humor und Menschlichkeit und eine Hauptfigur mit einer schier unfassbaren physischen Präsenz.

Fitz hat sieben Jahre mit Frau Judith in Australien verbracht. Zur Hochzeit seiner Tochter fliegt er nach Manchester. Nicht nur die Welt nach dem 11. September, auch die Industriestadt hat sich verändert. Ist auf den ersten Blick schicker geworden, andererseits, an den Rändern, noch krimineller, noch grauer. Fitz’ Ehe auch. Fitz giftet weiter. Arme Frau. Für die Art von seelischer Grausamkeit würde der Dicke selbst von Eva Herman rausgeschmissen werden. Immerhin: Im Internet sucht Fitz nach potenzsteigernden Mitteln. Und in Manchester bald nach einem Mörder, den Abgründen der menschlichen Seele – Fitz’ eigentlichem Element! Drei Menschen wurden ermordet, darunter zwei US-Amerikaner, alle vom selben Täter. Die Polizei ist ratlos, bittet den Psychologen um Hilfe. Fitz ist schnell einem Mann aus den eigenen Reihen auf der Spur, dem Polizisten Kenny (Anthony Flanagan), der vor Jahren in Nordirland kämpfte, dabei zwei Kameraden verlor und nun mit dem Leben nicht mehr klarkommt – vor allem mit den Tausenden von Opfern am und nach dem 11. September.

Sicher, es ist ziemlich verwegen, was das Buch hier alles zusammenbringt: persönliches und amerikanisches Trauma, den Konflikt mit der IRA und den Terrorkrieg nach 9/11, Irak, Afghanistan, antiamerikanische Effekte, Fragen nach gerechter Gewalt. Dazu monströse Ermittler und Täter-Psychogramme, was alleine schon für jeden „Tatort“ ausreichen würde. Die Idee „Psychisch kranker Familienvater dreht durch“ hat es bei Fitz auch schon gegeben. Dennoch, oder gerade deswegen, ist dieser mit gewaltigen Bildern und Tönen daherkommende und gleichsam melancholische Krimi um das Trauma eines Ex-Soldaten, der zu viel Krieg und Tod gesehen hat, ein grandioser Versuch, 9/11 filmisch zu verarbeiten. „Nine Eleven“ stellt eine plausible Fernwirkung her, der historische Wendepunkt ist nicht bloße Kulisse. Überall Schwermut, überall Dissonanzen. Am Ende, die Arbeit ist gemacht, ein Schuldiger (?) gerichtet, am Ende steht Fitz am Fenster im Haus seines Sohnes in Manchester. Vor ihm ein Zettel: „Essen im Kühlschrank, Frau in Australien.“

„Für alle Fälle Fitz – Nine Eleven“, ZDF, 22 Uhr. Zwei Wiederholungsfolgen laufen am 17. und 24.9.

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