Macht über Bilder : Mein Bild wird seine Waffe

Soziale Medien, unsoziale Menschen? „Homevideo“, ein bemerkenswerter, radikal gedrehter Arte-Film mit Wotan Wilke Möhring.

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Mein Freund, die Kamera. Jakob (Jonas Nay) nimmt die Welt am liebsten durchs Objektiv wahr. Da bleibt sie auf Distanz. Foto: Arte
Mein Freund, die Kamera. Jakob (Jonas Nay) nimmt die Welt am liebsten durchs Objektiv wahr. Da bleibt sie auf Distanz. Foto: ArteFoto: © NDR/Gordon Timpen

Das Finale zieht das Geschehen in die Wiederholungsschleife und erzählt doch weiter. Jakob (Jonas Nay) schiebt sich die Pistole in den Mund, er zieht sie wieder heraus, die Kamera entfernt sich ins große Bild mit einem schmalen Jungen vor einem großen Schiff. Da wollte der Fünfzehnjährige gar nicht hin, er wollte irgendwie mit der Trennung seiner Eltern klarkommen, er wollte Hannah, die er längst sehr liebt, längst kennengelernt haben.

Aber da ist dieses Video ins Netz gestellt worden, das Jakob Moormann zeigt, wie er onaniert und dabei „I love you, Hannah“ stöhnt. Die Aufnahmen hat der Junge in den Wirren der Pubertät selbst gemacht, er hat diesem Gerät vertraut, denn durchs Objektiv kommt der verschlossene Jakob sich und der Welt sehr nahe. Die Kamera hat jetzt Henry (Jannik Schümann), Mitschüler, lärmig, und wild auf Action. Jakobs Mutter hat sie ihm gegeben, keinerlei böse Absicht war im Spiel. Henry besitzt zugleich den Chip mit dem kompromittierenden Material, er ist so ein – Entschuldigung – Arschloch, das alles in Netz bringt. Er hat Macht über Bilder und Abgebildete. Geil, geil, geil.

Jakob rennt hinter Henry, dem Chip und hinter Hannah her, die wieder auf Distanz gegangen ist. Jakob bekommt Hass-Mails, er prügelt sich, er verkriecht sich vor der Welt. Das Haus ist fast leer, nur noch der Vater (Wotan Wilke Möhring) ist da. Seine Frau (Nicole Marischka) ist zu ihrer Freundin und neuen Lebensgefährtin gezogen, die Tochter hat sie mitgenommen. Claas Moormann will alles, alle und sich selber retten. Der Polizist holt den (schon doublierten) Chip von Henry für Jakob zurück, er kämpft um seine Frau, zusammen melden sie ihren Sohn in einer neuen Schule an. Alles scheint lösbar, machbar, setzbar auf Anfang. Dann steht Jakob am Strand, mit der Dienstpistole seines Vaters, die er aus dem Tresor zu Hause geholt hat. „Der Junge ist wie abgeschaltet“, hatte die Mutter gesagt. Jakob aber leuchtet.

Kilian Riedhof (Regie) und Jan Braren (Buch) schieben mächtig viel in die 90 Minuten, und mächtig viel – Video, Familie, Liebe, Schulsituation – stürzt auf Jakob ein. Nicht wirklich alles davon brauchen „Homevideo“ und sein Kernthema – „Cyber-Bullying“. Jakob ist das Opfer, Henry der Täter, die anderen wie Hannah sind mitgefangen im Netz, die Eltern und Lehrer ahnungslos bis hilflos. Die Medialisierung des Lebens grundiert den Film, was so hilfreich und so freundlich erscheint – Videokamera, Internet, Chatroom –, wendet sich gegen Jakob und die Übrigen.

Keine Technik ist eigentlich böse, sie wird „böse“ gemacht. Die (sozialen) Medien werden asozial, sie korrumpieren zwischenmenschliche Praktiken, wer will, der kann die Medien nutzen, um Menschen kaputt zu machen.

Das kann grobkörnig bis grob erzählt werden, mit einem Zeigefinger, so steil in die Luft gestoßen wie ein sozialdramatisches Ausrufezeichen. „Homevideo“ will das nicht, Autor Braren will es nicht, Regisseur Riedhof und Hauptdarsteller Nay wollen es nicht. Es ist das subjektive Drama des Jakob Moormann, er durchleidet, was andere durchleben und durchstechen. Jonas Nay gibt Jakob besondere Statur, Nervenbahnen auf der Außenhaut, ein Tohuwabohu tobt, Rückzug immer mehr bis zum Ausbruch, zur Erlösung. Riedhof inszeniert die Innenräume ins Äußere, die Kamera von Benedict Neuenfels führt den Zuschauer auf der Empathiebahn zu Jakob. „Homevideo“ ist ein überlegter Film, radikal gedreht in die Verzweiflung des Jungen, rhetorisch besonnen im Verzicht auf eine laute Anklage von Medien und Menschen. Wer Schuld hat an der Achterbahnfahrt von Jakob, der hat sich solitär schuldig gemacht und kann sich durch niemanden und nichts entschuldigen.

Das ist die Kraft von „Homevideo“ und sein Vermögen. Und der Film zeigt, quasi nebenher, was in Schauspielern wie Nicole Marischka und Wotan Wilke Möhring (Eltern Moormann) steckt, wenn Präsenz aufgeht in persönlich gemeinte Menschenfiguren.

„Homevideo“, 20 Uhr 15, Arte

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