Medien : Madame Wirtschaftswunder

Verlegerin Aenne Burda, Erfinderin der Mode zum Selbermachen, ist tot. Ein Nachruf von Beate Wedekind

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Sie hat so lange gelebt – aber sie hat in den letzten Jahren das Leben nicht mehr genossen. Blitzwach im Kopf, machten ihre Beine nicht mehr so richtig mit. Sie fand sich nicht mehr attraktiv. Oft war sie schlicht und einfach schlecht gelaunt, weil sie nicht mehr so konnte, wie sie wollte und wie sie die größte Zeit ihres Lebens leben konnte: auf der Überholspur ihres Welterfolgs, den sie und nur sie allein begründet hat. Mit 96 ist Aenne Burda, die große Verlegerin, nun erlöst worden. Sie starb am Donnerstag, in den frühen Morgenstunden, im Kreis ihrer Familie in Offenburg.

Was für eine Frau: Erst mit 40, als die drei Söhne schon Teenager waren, fing sie an, ihren Verlag aufzubauen. Jahre später sollte sie leicht spöttisch anmerken: „Die Welt kennt Burda nicht wegen des Verlags meines Mannes, sondern wegen Aenne Burda Moden.“ Schon in den Siebzigern war sie ein Global Player, als das Wort noch gar nicht in aller Munde war. In Südamerika, in Asien, sowieso in Europa schneiderten Frauen nach Aenne Burdas Schnittmustern ihre Kleider. So setzte sie von Offenburg aus weltumspannende Modetrends und sorgte im Übrigen für ein gesundes, ein modisches Selbstbewusstsein auch bei Frauen, die nicht das Geld hatten, sich schick in Boutiquen einzukleiden.

Anders als die andere Wirtschaftswunderikone, Grete Schickedanz, die eine eher zurückhaltende, unscheinbare Frau war, war Aenne Burda stets auch die Personifizierung dessen, was sie unternahm. Sie verfügte über einen exzellenten Geschmack, sie fuhr die neuesten Cabriolets, sie residierte in ihrer Villa auf Cap d’Antibes an der Côte d’Azur, ja, sie hatte einen feurigen Geliebten. Ihr Leben war genauso wie der Stoff, aus dem die Träume von Abertausenden Frauen gewebt waren (und sind).

Ihr Temperament war feurig, mit ihr in einen Streit zu geraten, war ungefähr das Anstrengendste, was einem Menschen in ihrer Umgebung passieren konnte. Recht behielt natürlich immer Aenne Burda.

Sie war außerdem und vor allem eine hervorragende Unternehmerin, die Gewinne erwirtschaftete, von denen andere nur träumen konnten. Jahrelang fuhr sie eine größere Rendite ein als ihr Mann, der legendäre Senator. Bis ins hohe Alter hielt sie wie selbstverständlich die Zügel in der Hand, bevor sie ihren Konzern an ihren Lieblingssohn, Hubert Burda, gab, der mit seinem eigenen Verlag gezeigt hatte, dass er ihr würdiger Nachfolger war.

Manche mögen sagen, dass Frauen wie Aenne Burda es damals, in den Zeiten des Wirtschaftswunders, der großen Nachkriegsgründerzeit, leichter hatten als heute. Ich behaupte, sie hätte sich überall auf der Welt und zu allen Zeiten durchgesetzt. Frauen wie Aenne Burda hinterlassen in jeder Situation, und sei sie noch so kompliziert und schwierig, ihre Spuren. Denn sie sind auf der Suche. Über allem stand bei Aenne Burda die Suche nach Liebe. Sie war so voller Liebe, dass sie schier nicht wusste, wohin mit all ihren großen Gefühlen.

Ich hatte das Vergnügen, sie auf der wohl wichtigsten Spur ihres Erfolges begleiten zu können.Es war 1986, als sie als erste Unternehmerin überhaupt den Sprung nach Moskau wagte und in den ersten zarten Zeiten von Glasnost und Perestroika die russische Ausgabe von Burda-Moden startete. Sie tat das, wie sie es liebte, mit Glamour und mit Stil. Die Mannequins waren die schönsten Frauen der Welt, kamen aus New York, ihre persönlichen Gäste waren die Gettys, sie waren eigens aus San Francisco eingeflogen. Als sie sich auf demLaufsteg verneigte, sahen wir eine Frau, die vor lauter Stolz tatsächlich so etwas wie eine scheue Bescheidenheit ausstrahlte. Und die ganze Welt konnte sie beobachten: Ihr Auftritt in Moskau war eine Weltsensation, alle Nachrichtensender berichteten über diese unglaubliche Frau aus Deutschland. Als wenig später Raissa Gorbatschowa, wie Aenne Burda eine Vorreiterin, eine Ikone, sie umarmte und sich bedankte mit einem „Sie haben den Frauen unseres Landes ein großes Geschenk gemacht“, glänzten Tränen in ihren Augen. Diesen Augenblick hat Aenne Burda später noch oft als einen der wichtigsten Momente, wenn nicht gar den wichtigsten ihres Lebens bezeichnet.

Wenn man resümiert, was Aenne Burda so einmalig gemacht hat, bleibt auch das haften: Sie hat das gelebt, was wir heute mit dem leider so abgenutzten Wort Lifestyle bezeichnen. Sie hatte einen schlafwandlerisch sicheren Geschmack, und das nicht nur in der Mode. Sie wollte immer von allem das wirklich Beste, und das hatte nichts mit Geldwerten zu tun. Ihre Häuser waren aufs Stilvollste eingerichtet, sie sammelte Kunst und liebte wie ihr Mann Marc Chagall. Sie malte aber auch selbst, Blumenstillleben, die sie fast zärtlich liebte, wenn sie denn einmal vollendet waren.

Der Tod von Aenne Burda ist eine einzige Anregung, über Frauen (und Männer) und Erfolg nachzudenken. Ihr oberstes Gebot hieß: Bleib dir selbst treu. Wenige Zeitgenossen schaffen das so konsequent, wie sie es getan hat.

Beate Wedekind, 54, Journalistin, arbeitete unter anderem als Chefredakteurin von „Elle“ und „Bunte“ 13 Jahre lang im Burda- Verlag und bezeichnet Aenne Burda als ihr Vorbild.

Aenne Burda, geborene Lemminger, kam am 28. Juli 1909 als Tochter eines Lokomotivführers in Offenburg zur Welt.

1931 heiratete sie den Drucker und Verleger Franz Burda , der 1986 starb. Das Paar bekam die Söhne Franz (1932), Frieder (1936) und Hubert (1940).

1949 gründete sie ihren Verlag Aenne Burda . 1950 erschien erstmals „Burda Moden“ . Mit den Schnittmusterbögen etablierte sie die „Mode zum Selbermachen“ und wurde zu einer Symbolfigur der Nachkriegszeit .

1987 führte sie „Burda Moden“ in Russland ein. Das „Burda Modemagazin“ erscheint heute in 89 Ländern und wird in 16 Sprachen übersetzt.

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