Medien : Männer, wollt ihr ewig talken?

Rückkehr auf den Bildschirm, heute zur 150. Sendung: Sandra Maischberger

Caroline Fetscher

Sie hätte „den Sonntag natürlich auch gerne gemacht“, erklärt Sandra Maischberger. Nun „macht“ sie aber wieder den Dienstag. Zwar war die vierzigjährige Mutter des jetzt acht Wochen alten Samuel zwischendurch – und neben Frank Plasberg – im Gespräch als Nachfolgerin in der Moderation der politischen Sonntags-Talkshow von Sabine Christiansen. Doch dieses medialstrategische Rennen gewann die Kollegin Anne Will. So bleibt es für die berufstätige Mutter weiter bei der mit ihrem Nachnamen gezielt alliterierenden ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“. Sie siedelt ihr eigenes Format, wie man in der Branche sagt, in einem „Themenkorridor“ an, „der eher gesellschaftspolitisch statt parteipolitisch austariert ist“. Da geht es also um Probleme wie Mobbing am Arbeitsplatz oder Pflege und Altersheime, um Jugendgewalt, Erziehung und Ähnliches.

Gleich heute Abend, nach acht Wochen „Babypause“ genannter Abwesenheit, taucht Maischberger wieder auf. Es wird ihre Jubiläumssendung, die 150., die sie sich wohl nicht entgehen lassen will. „Mythos Mutter?“ heißt das Thema, mitten im Trend nicht nur für die Moderatorin selbst, sondern auch angesichts des gesellschaftlichen Gesprächs, in dem sich seit Wochen das Krippenkarussell dreht. Auf den Maischberger-Sesseln wird unter anderem Christina Rau, Witwe des früheren Bundespräsidenten, sitzen, die als Schirmherrin von „Action! Kidz“ gegen Kinderarbeit eintritt. Die Ärztin Marianne Koch will den sicher sinnvollen Standpunkt „Ein Kind braucht mehr als nur die Mutter“ verteidigen, Christian Nürnberger wird erklären, dass es „auch unter Müttern glatte Versager“ gibt, während Maria Steuer, eine Pädiatrin, Kinderkrippen für schädlich hält. Ob Maischbergers Säugling den Abend in den Armen des Vaters, bei einer Kinderfrau oder ebenfalls vor der Kamera verbringt, verrät der Sender vorher nicht.

Damit sich das Publikum keinesfalls an einen Stellvertreter oder eine Stellvertreterin gewöhnen konnte, waren während der Abwesenheit der namensgebenden Moderatorin sieben Stellvertreter als „Maischberger“ in die Bresche gesprungen: Erich Böhme, Jörg Kachelmann, Friedrich Nowottny, Wolf von Lojewski, Ulrich Wickert, Frank Elstner und Alice Schwarzer. Von den ersten sechs muss sie nichts fürchten, das Wasser reichen konnte ihr Alice Schwarzer, deren Auftritt jedoch allein aufgrund ihrer als radikal feministisch bekannten Position polarisierte. Beschwingt hatte Jörg Kachelmann gewirkt, nachlässig und desinteressiert Erich Böhme – mit dem Maischberger 1991 eine Weile als Mitmoderatorin in „Talk im Turm“ aufgetreten war, bis er sich von der Kopilotin trennte. Später, im Herbst 2005, erzählte er in einem Interview: „Ich hab sie rausgeekelt, dazu stehe ich. Ein alter Esel und eine junge Gans passen nicht zusammen.“ Er fügte hinzu: „Heute sind wir befreundet.“ Vielleicht war es ja ein Zeichen von Freundschaft, dass Böhme als Platzhalter der Kollegin im Kindbett keineswegs die Talk-Schau stehlen wollte. Vor allem sind Auftritte wie seiner symptomatisch für ein Hauptübel der Branche: Journalisten tendieren dazu, sich zu überschätzen, vor allem im Fernsehen. Ihre Nähe zu Macht oder Glamour treibt manche in die Illusion, sie seien selbst Teil einer Machtmaschine. Sandra Maischbergers Image hingegen ist das der realistischen, freundlichen, informierten Fragerin, die beim Moderieren zurücktritt, um die Gäste, das Thema sogar, in den Vordergrund zu stellen, und dabei immer gut aussieht, immer ehrlich, immer interessiert – anders, als die meisten der zentralen Unterhaltungs-Männer des deutschen Fernsehwesens. Über diese hat Maischberger kürzlich gesagt: „Das sind noch immer die Heiligen Drei Könige des Fernsehens: Jauch, Schmidt, Gottschalk.“ Ob Ironie darin lag, ließ sie offen. Auf dem Feld des telegenen Zerplauderns und Verschwätzens der Welt, wo „Talken“ in der Regel das ganze Gegenteil von Gespräch bedeutet, stellt Sandra Maischberger für viele ihrer Zuschauer eine Ausnahme dar. Doch der Star-Dynamik, den Fanmustern des Fernsehens entkommt man offenbar auch mit dieser Haltung nicht, wie der Rummel um Maischbergers Ab- oder Anwesenheit in diesen Wochen beweist. Womöglich war das auch gar nicht die Absicht der Moderatorin. Gegen fernsehtypischen Ehrgeiz werden Bildschirmmenschen nie vollends immun.

„Menschen bei Maischberger“, ARD, 22 Uhr 45

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