Märchen : Sechs auf einen Streich

Klassiker statt Klamotte: Die ARD-Verfilmung "Zwerg Nase“ eröffnet einen märchenreichen TV-Winter.

Tilmann P. Gangloff
zwerg nase
Hauffs Märchen. Herzog Alois (Markus Majowski, links) wundert sich über seinen Diener und tauft ihn auf den Namen Zwerg Nase...Foto: BR

Über Klamotten wie Otto Waalkes’ „7 Zwerge“ rümpft das Feuilleton gern die Nase. Der Bildungsbürger hält sich lieber an die klassische Märchenverfilmung, die sich auch die nächste Generation noch anschauen kann, wenn die populären Zwergenkomiker wieder vergessen sind. „Zwerg Nase“ ist ein Film, der dem Feuilleton gefallen würde; wenn er es ins Kino geschafft hätte, was eigentlich der Plan war. Das jedoch ist nicht gelungen, denn die Verleiher wissen: Das Publikum mag Märchen, aber vorzugsweise in Kombination mit einem handfesten Humor, wie er auch in der erfolgreichen „ProSieben Märchenstunde“ zelebriert wird.

„Zwerg Nase“ ist ein klassischer Märchenfilm, in dem penibel auf Ironie oder gar Anarchie verzichtet wurde. Artig hält sich Regisseurin Felicitas Darschin, die das Buch gemeinsam mit dem Holländer Egbert van Wyngaarden geschrieben hat, an Wilhelm Hauffs Vorlage. Marktjunge Jakob trägt einer hässlichen alten Frau die Einkäufe nach Hause und wird von ihr für seinen Vorwitz bestraft. Sieben Jahre lang ist er der Gefangene der Hexe, die sich daheim in die Fee Kräuterweis verwandelt, aber trotzdem nichts Gutes im Schilde führt. Sie bildet Jakob zum Meisterkoch aus, doch als er an einem verbotenen Kraut schnuppert, ist die Gefangenschaft beendet und aus dem hübschen Jungen ein missgebildeter Zwerg mit riesiger Nase geworden. Weil die Eltern ihn nicht erkennen, verdingt sich der junge Mann (Michael Markfort) am Hof von Herzog Alois (Markus Majowksi), der zwar keine Manieren, aber immer Hunger hat.

Neben der unterwürfigen Treue zur Vorlage hat Darschin bei ihrem Regiedebüt einen für Filme dieser Art nicht untypischen Fehler gemacht, aber vielleicht war es ja auch Absicht: Ähnlich wie im Kindertheater tragen gerade die Nebendarsteller (allen voran Gilbert von Sohlern als Majordomus) viel zu dick auf. Das mag für kleinste Zuschauer amüsant sein, schreckt ältere aber eher ab; von Erwachsenen ganz zu schweigen. Und so ist das Schönste an dieser Geschichte das Domizil der Hexe, das auf einer Kunsteisfläche errichtet wurde. Der blauschimmernde Untergrund nimmt der Höhle jede Heimeligkeit und verstärkt den kühlen Kontrast zu dem sonnigen Leben, das Jakob bei seinen Eltern führte. Während die anderen Schauplätze ganz klassisch ausgestattet sind, durfte Szenenbildner Otto Kinzer in der Hexenhöhle auch unkonventionelle Dinge ausprobieren. Ausstattungskleinod ist eine Kuckucksuhr, aus der zur vollen Stunde ein Drache die Nase rausstreckt und Feuer speit. Bei einer Hollywood-Produktion wäre das der Merchandising-Renner.

Immerhin, TV-Märchen sind wieder im Kommen – und das nicht nur in den Dritten Programmen mit den zig Wiederholungen der 70er-Jahre-Märchenfilme aus der Tschechoslowakei („Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“) oder der DDR. Die ARD hat beispielsweise die Grimmschen Märchen für das Weihnachtsprogramm neu verfilmt. Die sechs einstündigen Filme mit Starbesetzung seien modern und zugleich emotional, teilte die ARD mit. In der Märchenreihe mit dem Titel „Sechs auf einen Streich“ spielen unter anderen Marianne Sägebrecht in „Frau Holle“, Kostja Ullmann und Axel Milberg in „Das tapfere Schneiderlein“, Ingo Naujoks in „Tischlein deck dich“ sowie Andrea Sawatzki in „Brüderchen und Schwesterchen“ mit. Die Filme sind am 20. Dezember sowie am ersten und zweiten Weihnachtstag zu sehen.

„Zwerg Nase“, ARD, 12 Uhr 03

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