Medien : Märchenstrickstunde

ARD-Doku will den Mythos Stammheim entzaubern

Peter Siebenmorgen

Stammheim zählt zu den mythischen Orten der alten Bundesrepublik. Hier waren die RAF-Terroristen inhaftiert, hier kamen sie ums Leben. Vernünftige Zweifel an der Darstellung der Justizbehörden und anderer staatlicher Stellen, dass Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe sich in der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 1977 selbst das Leben genommen haben, waren eigentlich nie recht möglich. Umso wirkungsmächtiger waren die unvernünftigen. Stammheim – dieser Ort stand jahrzehntelang im Bewusstsein vieler Deutscher für staatlichen Terror gegen Terroristen, Isolationshaft und andere Formen „wissenschaftlich perfektionierter“ Folter, schließlich die staatlich besorgte Hinrichtung der Häftlinge. „Stammheimer Märchenstrickstunde“ nennt das der frühere Gefängnisseelsorger Hans-Peter Rieder.

Eine Dokumentation des WDR zeichnet jetzt akribisch das Gegenbild, das wohl eher richtige Bild, der Stammheimer Verhältnisse nach. Demnach genossen die RAF-Terroristen Haftbedingungen, von denen normale Verbrecher und Mörder nur träumen können. Jeder für sich konnte eine Zelle von 21 Quadratmetern bewohnen. Zunächst vier, später acht Stunden pro Tag konnten sich die Häftlinge untereinander austauschen, gesprächsweise wie geschlechtlich. Für Ersteres boten die 16 bezogenen Tageszeitungen, die jeweilige Handbibliothek von über hundert Büchern, Fernseher oder Radio genügend Stoff, sollte der einmal knapp geworden sein.

Gewiss war es ein Versäumnis des Staates, durch transparente Öffentlichkeitsarbeit über die tatsächlichen Haftbedingungen der Einsitzenden aufzuklären. Und über den dilettantischen, schnell aufgeflogenen Versuch, die Gespräche der Häftlinge untereinander und mit ihren Anwälten abzuhören. Der gehört gleichfalls in diese Kategorie und stellt darüber hinaus tatsächlich einen – wenngleich der Not geschuldeten – unbotmäßigen Übergriff in deren Grundrechtssphäre dar.

Aber sind es wirklich diese Ingredienzen, aus denen sich der Mythos Stammheim im Wesentlichen zusammenbaute? War es nicht vielmehr die geradezu perverse Lust jener linken Gegenöffentlichkeit, die selbst dem Terrorismus fern stand und doch dem Staat all jenes zutraute? Heute wird gern vom Vertrauensverlust der Bürger in Staat und Politik gesprochen. Gemeint ist damit das verloren gegangene Zutrauen in Handlungsfähigkeit und Problemlösungskompetenz.

Das Misstrauen, welches in der gern subskribierten Formel vom „faschistischen Staat“ zum Ausdruck kam, das viele die Toten von Stammheim als Opfer von „anonymem Mord“ und „kalt konzipierter Hinrichtung“ (so erinnert sich einer der damaligen Richter an Worte des RAF-Anwalts Otto Schily) begreifen ließ – dies ist der eigentliche Mythos. Diesen zu erklären und zu entzaubern: Dafür braucht es einen anderen Dokumentarfilm über Stammheim.

„Folter in Stammheim“ – Die Propaganda der RAF; ARD, 23 Uhr 30

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