Magazin : Der Advokat

90 Jahre "kicker": Die Geschichte des Sportmagazins ist auch die Geschichte des Fußballs in Deutschland.

Wolfgang Uhrig
Eine Auswahl aus 90 Jahren. Und das immer schön bodenständig: Aus Umfragen geht hervor, dass nur drei von zehn „kicker“-Abonnenten „Privates von Spielern“ lesen wollen. Foto: Promo
Eine Auswahl aus 90 Jahren. Und das immer schön bodenständig: Aus Umfragen geht hervor, dass nur drei von zehn „kicker“-Abonnenten...

Wenn die Redakteure zum Chef in den Konferenzraum streben, eilen sie vorbei an Chefs der Nationalmannschaft. An Michael Ballack, Jürgen Klinsmann, Lothar Matthäus und Rudi Völler. Lebensgroß hängen die Spieler als Pappkameraden an der Wand, im Trikot und mit einem Ball. Eine Szene, die passt, das runde Sportgerät beschäftigt hier alle – beim „kicker, dem Zentralorgan des deutschen Fußballs“, wie der Klassiker aus dem Nürnberger Olympia-Verlag genannt wird.

Da trifft es sich gut, dass das Magazin ausgerechnet im erweiterten Umfeld zur Fußball-Weltmeisterschaft auf eine stolze Zahl zurückblicken kann: Drei Tage nach dem Finale wird die am 14. Juli 1920 gegründete Zeitschrift 90 Jahre alt. Das ist ein seltener Geburtstag für Zeitschriften, neben dem „kicker“ hat in Deutschland nur „Die Yacht“ alle Stürme aus zurückliegenden Jahrzehnten überlebt. Diesen Titel des Fachblattes für Segler gibt es bereits seit 106 Jahren.

In Südafrika war der „kicker“ mit einer Elf von Reportern vor Ort. Der Anspruch: immer und überall am Ball zu sein, ob bei der WM oder während der Bundesliga-Saison. Hier gibt es alles zur Lage der Liga, im Rückblick am Montag und im Ausblick am Donnerstag. Zu jedem Verein Berichte und Analysen, Grafik und Statistik. Dazu die Klassiker „Fußballer des Jahres“, „Torjägerkanone“ oder „Rangliste des deutschen Fußballs“. Alles das hat Karl-Heinz Heimann, 85, erfunden. Er war über Jahrzehnte Chefredakteur und Herausgeber. Die Branche nennt ihn „Mister Kicker“.

Geht es um Exklusivnachrichten im Fußball, ist das Fachblatt als Quelle das wohl meistzitierte Medium auf deutschen Sportseiten. Und einmal auch darüber hinaus: Mit einer Story zum Finanzskandal um Borussia Dortmund schaffte es ein Redakteur auch auf die Medien- und Wirtschaftsseiten der Republik. Das war Thomas Hennecke, der für seine Recherchen – gemeinsam mit dem freien Journalisten Freddie Röckenhaus – mit dem Henri-Nannen-Preis 2005 ausgezeichnet wurde.

Am Anfang war das Wort bei Walther Bensemann, Berliner, Mitbegründer des Deutschen Fußball-Bundes. Im Alter von 47 Jahren startete er in Südbaden sein Blatt unter dem Namen „Der kicker – eine illustrierte Fußball-Wochen-Schrift für die Schweiz und Deutschland“. Das war ein Ein-Mann-Betrieb, Verleger, Redakteur und Korrespondent in einer Person. Es heißt, Bensemann habe die druckfrischen Ausgaben höchstpersönlich per Schubkarren zum Konstanzer Bahnhof und zur Kreuzlinger Post gebracht.

Der „kicker“ erschien damals einmal in der Woche. Er kostete 50 Pfennig und hatte eine Auflage von 19 000 Exemplaren. In einem Editorial von Bensemann steht: „Der ,kicker‘ ist ein neutrales und objektives Blatt, ein Advokat jeglicher vernünftiger Verbesserung, ein Helfer aller Vereine, ob sie nun der Ligaklasse A angehören oder in der Serie B spielen.“ Worte von gestern, wie sie noch heute gepredigt werden könnten durch den 51-jährigen Klaus Smentek, 1988 von „Bild“ gekommen und seit Anfang des Jahres Chefredakteur. Und doch haben sich die Inhalte gegenüber der Gründerzeit gewaltig geändert. Hat Bensemann einst nicht nur über das Spiel, sondern auch über Mahlzeiten und bevorzugte Weine informiert, so steht der Titel nun vor allem für Fakten im Fußball.

Leser schätzen die ausgewogene Ruhe und Sicherheit des Blattes. Wer allein die Schlagzeilen liebt, könnte enttäuscht werden. Wer aber Solidität bekommen will, fühlt sich hier gut bedient. Aus Umfragen geht hervor, dass nur drei von zehn „kicker“-Abonnenten zum Beispiel „Privates von Spielern“ lesen wollen.

Gelegentlich wird auch mal verbal gegen die „kicker“-Schreibe geschossen. Die Sprache sei „unaufgeregt und lakonisch“, lautete das Urteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Und im Branchendienst „horizont“ stand: „Da fließen dann schon mal Sätze aufs Papier wie ‚Auf der nächtlichen Heimfahrt herrschte im Bus geschocktes Schweigen‘ oder ‚zeigten die Roten Teufel das zuletzt oft vermisste Herz‘. Prosa siegt hier schlicht über Eleganz.“ Immerhin blieb den Lesern zuletzt ein Schlusssatz wie der zur Weltmeisterschaft 2006 erspart: „Diese phantastische WM lässt im Nachklang nochmals grüßen!“

Die verkaufte Auflage liegt bei rund 225 000 Exemplaren am Montag (Preis: 2,30 Euro) und 200 000 am Donnerstag (1,80 Euro). Das beste Ergebnis waren rund 370 000 abgesetzte Hefte am Montag und 290 000 am Donnerstag, erzielt 1996. Die Auflage schwankt saisonal, wenn der Fußball in der Sommer- respektive Winterpause nicht rollt, fällt die Auflage deutlich unter 200 000 Exemplare, darunter immerhin 85 000 Abos.

Mit journalistischen Ausflügen in andere Sportarten ist hier kein Geschäft zu machen. Sieger wie Sebastian Vettel (Formel 1) oder Britta Steffen (Schwimmen) beziehungsweise Magdalena Neuner (Biathlon) oder Maria Riesch (Ski alpin) werden vom Leser gerne mitgenommen, aber weniger gesucht. „Fußball ist unser tägliches Brot“, sagt Smentek. Und das, obwohl der „kicker“ seit 22 Jahren auch noch den Untertitel „sportmagazin“ führt.

Mitbewerber wie „Sport Bild“ oder das Magazin „11Freunde“ stuft Karl-Heinz Heimann nicht unbedingt als Konkurrenten ein. Er sagt: „,Sport Bild‘ spricht in erster Linie das Auge an, das Gefühl. Wir stehen eher für sachliche Informationen.“ Keine direkte Konkurrenz seien auch die „11Freunde“. „Das Blatt richtet sich an Leute, die über den Platz hinaus am Fußball interessiert sind, für die das auch ein Stück Zeitgeschichte ist.“ Die Geschichte des „kicker“ ist auch die Geschichte des Fußballs in Deutschland, sichtbar nicht nur auf dem Weg in den Konferenzraum.

Der Autor war von 1988 bis 2004 Chefredakteur des „kicker“.

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