Magazin : Einer zu viel

„Focus“ in der Krise: Nach nur einem Jahr geht Chefredakteur Wolfram Weimer. Uli Baur bleibt.

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Am Ende ging alles ganz schnell. Nachdem der „Focus“ in den vergangenen Tagen nicht mit investigativem Journalismus, sondern selbst Schlagzeilen machte mit dem Machtkampf zwischen den beiden Chefredakteuren Uli Baur, 55, und Wolfram Weimer, 46, hat Burda-Vorstand Philipp Welte die Reißleine gezogen. Weimer muss gehen.

Wie der Burda-Verlag am Dienstagmorgen mitteilte, übernimmt Baur mit sofortiger Wirkung die alleinige Führung des Blattes. Helmut Markwort bleibt Herausgeber – und dürfte der Gewinner des Machtspiels hinter den Kulissen des Magazins sein, das einst Geldmaschine für Verleger Hubert Burda war und heute gegen sinkende Verkaufsauflagen und Werbeumsätze zu kämpfen hat.

Der Konflikt schwelt bereits, seit Weimer – vor gerade mal einem Jahr – angetreten ist, um aus Markworts „Fakten, Fakten, Fakten“-Blatt eine Art „Spiegel“ zu machen. War der „Focus“ bei seiner Gründung 1993 mit zahlreichen Grafiken, Infokästchen und Listen noch Avantgarde, muss ein Nachrichtenmagazin im Zeitalter des Internets mehr bieten als Nutzwert- und Listen-Journalismus. Statt Titel wie „Die 100 besten Tipps gegen Rückenschmerzen“, wollte Weimer mehr Kultur-, mehr Debattenbeiträge – und nicht weniger als den „Focus“ „neu erfinden“, wie er noch zu Beginn des Jahres zum 18. Geburtstag des Blattes im Tagesspiegel-Interview verkündete.

Doch bevor „Focus“-Gründer Markwort im Oktober vergangenen Jahres vom Chefredakteurs- auf den Herausgeberposten wechselte, hatte er Weimer ein Abschiedsgeschenk hinterlassen: einen Relaunch, der eigentlich Weimers Aufgabe hätte sein sollen, dazu eine Preiserhöhung und Stellenstreichungen. Keine leichten Start-Bedingungen. Zwar sprach sich auch Uli Baur, der neben Markwort bereits Mitglied der Chefredaktion war, für weniger Klein-Klein und mehr Tiefe im „Focus“ aus, als er im Oktober zusammen mit Weimer die Doppelspitze übernahm, wollte aber auf die „news to use“ nicht verzichten.

Dass beide Männer verschiedene Auffassungen davon hatten, wie ein Magazin zu machen, eine Redaktion zu führen ist, war offensichtlich. Aus diesen Gegensätzlichkeiten sollte ein Kraftfeld entstehen, doch heraus kam: ein großer Knall.

Auch wenn sich Weimer und Baur am Anfang gegenseitig eine Chance gegeben haben und im Einzelverkauf zuletzt sogar ein Plus von 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf rund 121 500 verkaufte Exemplare (IVW, 2. Quartal 2011) verzeichnen konnten, staute sich durch ihre unterschiedliche Arbeitsweise immer mehr Ärger auf, heißt es. Zum lautstarken Streit sei es zwar nicht gekommen, dafür hätten sie aber versucht, ihre Macht über die Redaktion auszuspielen. So wollte Weimer keine „Hasen“, wie Cover-Girls angeblich redaktionsintern genannt werden, auf dem Titel. Kaum sei er Anfang Mai im Urlaub gewesen, habe es prompt ein großes „Urlaub-Spezial: 36 Seiten zum Träumen“ mit Bikini-Mädchen gegeben.

Entscheidender als solche Machtspielchen ist aber wohl, dass Markwort sein „Baby“, wie er den „Focus“ selbst nennt, nicht in andere Hände geben will. Er sei noch immer der Kopf des Blattes, Baur seine ausführende Hand, heißt es. Vor allem ist Markwort dicht dran am Ohr des Verlegers Hubert Burda.

Doch Weimer scheiterte nicht allein an dem eingeschworenen Männer-Duo Markwort und Baur, sondern wohl auch ein Stück weit an sich selbst. Sein Hang, sich in Talkshows und Interviews darzustellen, sei in der Redaktion nicht gut angekommen. Weimer redet, Baur macht, heißt es. Zudem soll Weimer gleich mehreren Redakteuren in einer Woche jeweils denselben Job versprochen haben – was nicht gerade als vertrauensbildende Maßnahme bezeichnet werden kann. Am Ende soll ein Großteil der Redaktion nicht mehr hinter Weimer gestanden haben. Doch ein Blatt zu erneuern geht nur, wenn die Mannschaft mitzieht.

Für Weimer ist das Aus bitter, gerade hat er sich ein Haus am Tegernsee gekauft. Wie es für ihn weitergeht, weiß er noch nicht. Zwar werde er die Burda News Group weiter beraten, heißt es in der Pressemitteilung am Dienstag, doch dient diese Formulierung eher dazu, dass alle Seiten ihr Gesicht wahren. Denn gerade erst war Weimer mit „Focus“-Geschäftsführer Burkhard Graßmann auf Tour bei Anzeigenkunden, um für sein Konzept zu werben – die verwundert sein dürften, dass sie in ein Magazin investieren sollen, das nun vermutlich wieder seinen Kurs ändert. In welche Richtung, steht noch nicht fest. Listen-Journalismus kann jedenfalls nicht die Lösung sein.

„Das Wunder der Selbstheilung“, titelt der „Focus“ in dieser Woche – ein solches Wunder kann das Magazin selbst gut gebrauchen.

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