Magazin : Yes, he can Kanzler!

Horst Schlämmer? Sonneborn? Deutschlands älteste Satiresendung "extra 3" erfindet sich mit Moderator Tobias Schlegl neu.

Katrin Hillgruber
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Ex-"Viva"-Mann Tobias Schlegl. -Foto: NDR

Es fällt schwer, in Gegenwart von Johannes Schlüter länger als eine Minute ernst zu bleiben. Die Kunstfigur, deren Alter zwischen 33 und 74 geschätzt wird, hat sich in ein überraschend funktionales Hochhausbüro in Hamburg-Lokstedt zurückgezogen, unweit von Hagenbecks Tierpark. Hier, auf dem Gelände des Norddeutschen Rundfunks, schöpft der gebürtige Göttinger neue Kraft für seine mannigfachen Identitätswechsel. Stets mit dabei: Schlüters journalistischer Begleiter im cognacfarben Cordjackett. Er interviewt den Tausendsassa auch noch in den haarsträubendsten Situationen mit der Beharrlichkeit eines Egon Erwin Kisch und der Dezenz eines Gero von Boehm.

Es ist zwar nur ein Name – Johannes Schlüter –, doch wer zählt die Identitäten, die dieses Chamäleon der deutschen Satire und sein Compagnon in Magazinbeiträgen für das politische Satiremagazin „extra 3“ angenommen haben: Schlüter als „Supernanny“ im roten Kostüm, die im Auftrag der überforderten Angela den renitenten kleinen Horst und das weinende Pummelchen Gabi zur Raison brachte; als „Bush-Pilot“, der von einer Schaltzentrale im Gehirn des US-Präsidenten George W. dessen notorische Versprecher steuerte, oder als schizophrener Diplom-Persönlichkeitsspalter. Auch Dr. Schlüters’ Klient Frank-Walter Steinmeier leidet unter Spaltungsirrsinn. Als braver Vize-Frank hat er die Kabinettsdisziplin unter seiner CDU-Chefin zu wahren, als wilder Wahlkampf-Walter der SPD soll er sein „Kampfsauzentrum“ aktivieren. Ein Dilemma, das wohl trotz psychologischer Begleitung noch bis zum 27. September anhalten wird.

Jesko Friedrich und „Reporter“ Dennis Kaupp erhielten dieses Jahr für Buch, Regie und Darstellung von „Johannes Schlüter“ den Adolf-Grimme-Preis der Kategorie „Spezial“, „weil hier auf höchstem Niveau ein bemerkenswerter Spagat zwischen Comedy und Satire gelingt“, so die Jury-Begründung. Das lenkte den Blick auf das TV-Laboratorium „extra 3“, in dem dieser Homunkulus wie so mancher vor ihm heranreifen konnte. Der scheinbar naive französische Interviewer Alfons, sein überhöflicher Kollege Dennis Gastmann oder „Der Klaus“ haben hier ihren Stammplatz, von dem aus sie den „Irrsinn der Woche“ erkunden.

Am 21. September 1976 hatte Deutschlands älteste Satiresendung Premiere. Spätere Reporter-Berühmtheiten wie Dieter Kronzucker, Wolf von Lojewski oder Peter Merseburger moderierten. Die redaktionell beim „Zeitgeschehen“ angesiedelte Sendung war auch immer ein Spielfeld für das Politmagazin „Panorama“. „Ich knie bei einzelnen ‚extra 3’-Sendungen nieder“, verrät Chefreporter Christoph Lütgert. Er vertrat zuletzt den Moderator Tobias Schlegl, als dieser Vater wurde. Der Sender müsse dieses innovative und stellenweise „intellektuell abgedrehte“ Format noch mehr pflegen, findet Lütgert, „extra 3“ sei längst ARD-tauglich. Aber würde das nicht die Freiheit der kreativen Spielwiese gefährden, die sich seit Ende Mai vor Publikum in einer Birkenwald-Dekoration präsentiert? „Im Gegenteil, das wäre ein zusätzlicher Ansporn.“

Doch so weit ist man im achten Stock noch nicht. „Extra-3“-Redaktionsleiter Andreas Lange ist dieser Tage mit seinem Team damit beschäftigt, das Satiremagazin möglichst reibungslos von seinem angestammten Sendeplatz am Donnerstag auf Sonntag umzusiedeln. Die Rubrik „Abgehakt“ wird sich direkt auf die Landtagswahlen beziehen. Durch den geänderten Modus der Bundesliga-Übertragungen sendet der NDR seinen „Sportclub“ früher, so dass um 22 Uhr 45 ein Termin für „extra 3“ frei wurde. Als Schmankerl folgt nach „extra 3“ eine Viertelstunde „Dennis & Jesko“, ein „Best of“ des Schlüter-Duos. Glücklich über die Verlegung auf Sonntag ist bei „extra 3“ wohl niemand. Aber was hilft’s: Schnell wird noch ein Hinweistrailer mit diversen Kirchenvertretern betextet. Tenor: Haltet den Sonntag frei – für „extra 3“.

In Andreas Langes Büro hängt das „extra 3“-Neonsignet aus der ersten dezidierten Satirephase von 1989 bis1997 unter Hans-Jürgen Börner, dessen staubtrockenes Understatement Schule machte. Bei seiner ersten Moderation am 5. Oktober 1989, zwei Tage vor dem 40. Geburtstag der DDR („schmerzliche Glückwünsche“) räsonierte Börner mit Studiogast Freya Klier über die „Einigelung“ der DDR. Ein Beitrag führte an den Wohnort des IG-Chemie-Vorsitzenden Hermann Rappe, wo eine Kondomfabrik („Tütenkombinat“) vor der Schließung stand. Die Realsatire ist nach wie vor die Königsdisziplin von „extra 3“, das betonen der 39-jährige Lange und seine Redakteure Sabine Platzdasch und Christian Sieh. Bis zu fünfzig Regionalzeitungen sichten sie täglich, um auch noch den kleinsten fernsehtauglichen Skandal aufzuspüren.

„Es gibt nichts Schöneres, als normale Menschen in fremden Situationen zu zeigen“, sagt Andreas Lange. Das unterscheide das öffentlich-rechtliche Magazin von der reinen Comedy der Privatsender oder einer Witzfigur wie Hape Kerkelings Horst Schlämmer: „Die zeigen bloß, wie jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. Wir zeigen das auch, fragen aber, wer die Schale hingeworfen hat“, so Lange. „Wir beschäftigen uns mit den Verantwortlichen und wollen Missstände, die uns aufregen, mit den Mitteln der Comedy entlarven.“ Von schadenfroher Häme um ihrer selbst willen à la Martin Sonneborns zweckfreier „Partei“ distanzieren sie sich entschieden. Stets zur Karikatur reizen die Umtriebe und mangelnden intellektuellen Fähigkeiten der Neonazis. Bei der Gestaltung seines Internetauftritts leistet „extra 3“ ebenfalls Pionierarbeit. Bis zu 2,3 Millionen User rufen die Clips der Sendung auf.

Auch der aktuelle Moderator Tobias Schlegl findet Comedy ohne politischen Anspruch „einfach langweilig“. Er hat soeben Dieter Dehm bei dessen „Rotshow“ aufgelauert, der Tour des singenden niedersächsischen Spitzenkandidaten der „Linken“. Als Schlegl im Sommer 2007 dem sympathischen Sarkasten Thomas Pommer nachfolgte, gab es wegen Schlegls Vergangenheit als „Viva“-Präsentator unter „Satire-Stalinisten“ einen Aufschrei der Empörung. Mit Schlegl stieg die Einschaltquote aber auf 5,7 Prozent. Der 32-Jährige geht für seine Aktionen als erster „extra 3“-Moderator in die Welt hinaus. Das gelingt ihm so gut, dass die angebliche Steinmeier-Kampagne der SPD mit dem Motto „Yes, he can Kanzler“ von einigen Medien für bare Münze genommen wurde.

„extra 3“, NDR, Sonntag, 22 Uhr 50

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