Magazine : München gewinnt, Hamburg verliert

In den Konkurrenzkampf am Kiosk kommt Bewegung: Wie der "Focus" seine Auflage pusht, worunter "Stern" und "Spiegel“ leiden.

Sonja Pohlmann
Magazine
''Focus'', ''Stern'' und ''Spiegel'' kämpfen um Leser. -Foto: Max Stuttmann

Mit viel Bling-Bling und großem Dekolleté liegt der neue „Spiegel“ am Kiosk, ein Titelbild, das für eine Reportage über Moskaus Milliardäre wirbt. Die Leser dürften zugreifen – Sex und Geld sind Themen, die ziehen. Das weiß auch der „Stern“. Ende April nahm er einen Frauenkörper lediglich mit einem pinkfarbenen Slip bekleidet aufs Cover, um so einen Text über Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“ zu promoten. Prompt verkaufte sich das Magazin mehr als eine Million Mal. Ein Grenze, die der „Stern“ immer seltener überschreitet.

Wie im ersten Quartal 2008 liegt das Magazin aus dem Verlag Gruner + Jahr aktuell unter der magischen Millionenzahl. Im Schnitt verkaufte der „Stern“ 986 753 Exemplare je Ausgabe, das ist ein Minus von 2,4 Prozent im Vergleich zum Quartal II/2007. Bei der Konkurrenz sieht es nur etwas besser aus. Zwar hält sich der „Spiegel“ knapp über der Millionengrenze, doch auch er verzeichnet Verluste. 1,027 Millionen Exemplare wurden verkauft, minus 2,3 Prozent. Umso verwunderter blicken beide Blätter aus Hamburg nach München zum „Focus“, der sich offenbar gegen den Trend entwickelt. Als einziges der aktuellen Wochenmagazine meldet das Blatt im zweiten Quartal ein Plus, nämlich 5,7 Prozent bei knapp 752 000 verkauften Exemplaren. Allein binnen zwei Wochen gewann der „Focus“ etwa 70 000 neue Abonnenten hinzu. Einen einfachen, aber legitimen Trick vermuten Experten dahinter, und zwar ein Angebot des „Focus“ an neue Leser: drei Ausgaben kostenlos, keine weiteren Verpflichtungen. So lässt sich die Statistik kurzfristig aufpeppen.

Der „Stern“ hat hingegen seine Statistik bereinigt. Auch weil er seine sonstigen Verkäufe reduzierte, sank die Auflage. Doch ist das nicht der einzige Grund, warum die Magazine in der Gunst der Leser verlieren. „Stern“, „Spiegel“ und der „Focus“ haben größere Konkurrenz bekommen. „Tageszeitungen übernehmen immer mehr Magazinelemente – wie zum Beispiel in ihren Wochenendbeilagen oder in ihren Sonntagsausgaben. Dadurch wirken sie wie ein auf Zeitungspapier gedrucktes Magazin, und das Bedürfnis der Leser sinkt, sich noch mit weiteren Magazinen einzudecken“, sagte Michael Jürgs, Ex-„Stern“-Chefredakteur und heute Autor (auch des Tagesspiegel). Zudem könnten sich die Leser im Netz rund um die Uhr informieren, auch bei Spiegel Online, Stern.de und Focus Online. „Die Magazine müssen deshalb wesentlich sein und sich inhaltlich von ihren Internetauftritten unterscheiden, um attraktiv zu bleiben“, sagte Jürgs. Gerade deshalb sei es aber wichtig, dass nicht die Manager der Verlagshäuser die Blattphilosophie der Magazine definierten. Sonst laute das Ziel nur Rendite.

Beim „Focus“ ist trotz der guten Zahlen Sparen angesagt, zehn Prozent bis Ende 2009 sind bei Hubert Burda Media für die Printsparte vorgegeben. Beim „Spiegel“ soll das Budget dagegen nicht gekürzt werden. „Wir müssen nicht sparen“, sagte eine Verlagssprecherin.

Die neue „Spiegel“-Doppelspitze aus Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo war vor allem damit beschäftigt, Ruhe ins Haus an der Hamburger Brandstwiete zu bringen, nachdem der abrupte Abschied von Chefredakteur Stefan Aust und die anschließende Nachfolgersuche Schlagzeilen gemacht hatten. Die Stimmung in der Redaktion gilt trotz der gesunkenen Auflage als gut. Zumindest würden die beiden Neuen dafür nicht verantwortlich gemacht, heißt es.

Bei Gruner + Jahr haben sich kürzlich alle Chefredakteure zur Gruppensitzung getroffen, darunter auch Andreas Petzold und Thomas Osterkorn vom „Stern“. Thema des Treffens: Was ist die Aufgabe der Journalisten im Konzern? Ein Ergebnis soll es noch nicht geben. Manager mussten aber draußen bleiben.

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