Magazine : Richtungswechsel

Helmut Markwort gibt die "Focus"-Chefredaktion ab, Wolfram Weimer kommt. Das Nachrichten-Flaggschiff aus dem Burda-Verlag hatte zuletzt stark an Auflage verloren.

Joachim Huber
Weimer
Wolfram Weimer -Foto: ddp

Da kreuzen sich zwei Kurven. Die verkaufte Auflage beim „Focus“ weist nach unten, die von „Cicero“ nach oben. Also verlässt Helmut Markwort die Chefredaktion des Nachrichtenmagazins in München und Wolfram Weimer, Herausgeber und Chefredakteur des seit 2004 in Berlin publizierten „Magazins für politische Kultur“, kommt. Weimer tritt am 1. September 2010 an, teilte die Hubert Burda Media am Donnerstag mit. Er wird mit Uli Baur eine gleichberechtigte Doppelspitze bilden. Baur ist seit November 2004 neben Markwort Chefredakteur des Magazins, der 53-jährige Journalist arbeitet seit der Gründung 1993 bei „Focus“.

Der 72-jährige Markwort soll als „Erster Journalist“ seinen bis 31. Dezember 2010 laufenden Vorstandsvertrag mit den Bereichen Focus Magazin Verlag, Broadcast, Verlagsgruppe Milchstrasse und Playboy erfüllen. Seine Ressorts werden danach zum 1. Januar 2011 in den Vorstandsbereich Verlage Inland integriert und von Philipp Welte übernommen. Markwort wird Herausgeber von „Focus“ bleiben. Zudem ist er weiterhin für die Radio- und TV-Beteiligungen der Hubert Burda Media zuständig.

Helmut Markwort gibt im Verlag Macht und Verantwortung ab, weggedrückt wird er nicht. Der „Focus“ ist Markworts Lebenswerk und der größte verlegerische Erfolg von Hubert Burda. Das schafft Dankbarkeit und Treue, der „Erste Journalist“ Markwort wird nach den Rochaden bei Köpfen und Kompetenzen keinen neuen „Ersten Journalisten“ über sich erblicken müssen.

Der „Focus“ ist in die Krise geraten. Die Auflage liegt mit aktuell 614 032 Heften auf einem Rekordtief, es halten sich Spekulationen, wonach Burda mit dem Titel kein Geld mehr verdient. Auflagenrückgang, interne Arbeitsgruppen, Sparzwang und Stellenabbau, Markwort hatte und hat alle Mühe, sein journalistisches Produkt in der Balance zu halten. „Nicht der „Focus“ ist am Ende, seine Erfolgsformel greift nicht mehr so recht in den neuen Internet-Zeiten. Der Nutzwert-Journalismus, die gedruckte Lebenshilfe, die „100 besten“-Listen – das wird nicht der „Focus“ von Wolfram Weimer sein. „Mehr ,Spiegel“, mehr ,Guter Rat’, kolportiert der „kress-report“ die Erwartung von Hubert Burda. Mehr Niveau, mehr als Aussagesätze dürfen auch sein.

Wolfram Weimer startete bei der „FAZ“, in der Wirtschaftsredaktion. Es folgten von 1994 an vier Jahre Korrespondenz in Madrid. Von dort ist er zum Axel Springer Verlag gegangen, im Windschatten von Matthias Döpfner schien der Aufstieg mit der Neugestaltung, der Neuausrichtung und der Doppel-Chefredaktion von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ längst nicht beendet. 2002 der Bruch, Weimer soll gerüchtehalber mit der „FAZ“ um die Redaktionsspitze des Frankfurter Blattes geflirtet haben.

Die Herausgabe und Chefredaktion von „Cicero“ sind die Neuerfindung und der nachhaltige Erfolg des heute 44-jährigen Journalisten und Publizisten. Die Auflage des Magazins ist seit 2005 um mehr als 45 Prozent auf aktuell 81 032 Exemplare geklettert. „Cicero“ ist eine Hauptstadt-Mischung für die besseren, intellektuell verbrämten Kreise, die gerne etwas Ansehnliches – die Cover sind stets Kunst – und Anregendes und Analytisches aus prominenter Feder auf die Coffeetables gelegt sehen wollen. Qualität, feiner Geist, elitäre Angeberei – und vorneweg Cicerone Weimer. Er wird als LiberalKonservativer gehandelt, was gut zu Burda und bestens in die politischen Zeitläufte passt. Aber Weimer, der Post-89er, ist weder streng parteipolitisch noch ideologisch sortiert. „Aus dem Schutt des Ironischen hieße es die Grundmauern der Tradition wieder freilegen, das Politische wieder als das Bürgerliche zu begreifen, das Kulturelle als das Eigene, vielleicht sogar das Religiöse als das Sinnstiftende entdecken, das Wort jedenfalls wieder als den Anfang und nicht als einen Witz am Ende.“ So schreibt, so denkt, so handelt Weimer (der nicht aus Weimar, sondern aus dem hessischen Gelnhausen stammt). Klar, der „Cicero“-Sound kann nicht eins zu eins die „Focus“-Tonlage werden. Wolfram Weimer sieht eine heroische Aufgabe vor sich, Kärrners Arbeit statt Ciceros Agora.

Wer wird nach seinem Weggang die Redaktion in Berlin leiten? Möglich, dass Weimers Stellvertreter Markus C. Hurek mit Jürgen Busche, feste Größe und im Beirat des vom Schweizer Verlag Ringier publizierten Magazins, eine Doppelspitze bilden wird. Das ist jetzt Trend.

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