Medien : Magische Momente

Bernd Gäbler

Als Lupe ist das Fernsehen großartig: das verzweifelte Gesicht des Trainers, das heimliche Handspiel, der genaue Pass, das nicht erkannte Abseits oder die Kraft des Torschützen – Momente und Szenen dieser Art kann kein Auge so genau, so dezidiert sehen wie in der Tele-Vision.

Das Fernsehen aber will noch mehr. Es will alles zusammenbinden, es will die große Synthese sein. Da den TV-Machern aber in der Regel für das Große und Ganze nichts anderes einfällt als die „tolle Stimmung“ oder das hilflose Synonym „Gänsehaut-Atmosphäre“, erfolgen permanent sinnlose Schalten irgendwohin, wo ein Reporter unter johlenden, schwitzenden, lauten und bunten Menschen steht, die richtig loslegen, sobald sie nur merken, dass sie jetzt ins Fernsehen kommen. Wichtig ist, dass man nichts mehr versteht. Das gilt als Zeichen für Überschwang. So wird das Fernsehen banal, weil es unbedingt universelle Stimmungsmaschine sein will.

Die tatsächlich bewegende Stimmung im Stadion dagegen erfasst das Fernsehen selten. Hier agiert eine dichte Masse. Im Idealfall entsteht sogar ein produktiver Prozess zwischen Spielern und Publikum.

Fast hätten die zigtausend anfeuernden Schweden am Donnerstagabend ihre Spieler verflucht, weil die so planlos gegen das Abwehrbollwerk Paraguays anrannten. Aber sie rafften sich auf, bei ihrem Glauben zu bleiben. Die Spieler spürten das. Am Ende war es nackter Wille, reine Energie, die zum späten Tor führte. Das ist die Kraft des Fußballs!

Die Kraft des Fernsehens aber liegt in der Dekonstruktion, im Zeigen des Einzelnen. Als sich die Kanzlerin von den Lattenschüssen der Deutschen gegen Polen jäh mitreißen ließ, war das Bild gewiss nicht im klassischen Sinne schön, aber im Einzelnen schien Allgemeines auf. Das Fernsehen fixierte einen magischen Moment. Wetten, dass es ihn durch sinnlose Inflationierung rasch entwerten wird?

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