Medien : Mainz bleibt nicht immer Mainz

Gute Quoten im Rücken, Sparkurs vor Augen: ZDF-Intendant Schächter ein Jahr im Amt

Joachim Huber

Am 1. Mai wird es ernst. Dann beginnt die Verhandlungsphase um die Fernsehrechte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Nach Aussage von ZDF-Intendant Markus Schächter wird sich ein Team aus vier ZDF- und vier ARD-Mitarbeitern mit dem Rechteinhaber, der Infront AG um den Ex-Nationalspieler Günter Netzer, an den Tisch setzen. Am 31. Dezember schließt sich das Verhandlungsfenster wieder. Wie Schächter in Mainz sagte, soll das Volksfest „Fußball-WM“ auch ein Fernsehfest werden: „Alle 64 Spiele live im Free-TV“. Schächter sieht die öffentlich-rechtlichen Anstalten in der Vorhand bei den TV-Rechten, für die auch ernsthafte Angebote der privaten Konkurrenz erwartet werden. Zur Begründung verweist er auf den Vertrag für die WM 2002, mit dem ARD und ZDF 25 Spiele für 125 Millionen Euro plus eine Option für 2006 erwarben. Sollten ARD und ZDF für 2006 nicht zum Zuge kommen, muss der neue Käufer die damals als Option vereinbarten 50 Millionen Euro mitbezahlen.

Die Fernseh-WM in öffentlich-rechtlichem Besitz verbindet Schächter mit der Idee, einige Partien an RTL & Co. weiterzuverkaufen. Ob dieses Angebot Substanz hat oder nur Brosamen bedeutet, das wollte Schächter nicht sagen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Preis für das Gesamtpaket über 200 Millionen Euro gehen könnte. Für eine solche Summe verlangen ARD und ZDF einen Katalog an Zusatzvereinbarungen neben den Live-Rechten: umfassende Wiederholungsmöglichkeiten der Partien in Gänze und in Ausschnitten, zusätzliche Kamerapositionen in den Stadien. „Wir wollen die WM zum mediengerechten Event ausgestalten.“

Markus Schächter annoncierte eine schwierige Verhandlungsrunde für die Gebühren, die vom 1. Januar 2005 an steigen sollen. Zwar habe die Kommission für die Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) von ARD und ZDF eine rundfunkspezifische Steigerungsrate von mehr als fünf Prozent ausgemacht, tatsächlich erwartet der ZDF-Chef im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld und beim (traditionellen) Widerstand einiger Ministerpräsidenten der Union eine Erhöhung „zwischen zwei und drei Prozent“. Derzeit beträgt die monatliche Rundfunkgebühr 16,15 Euro, davon bekommt das ZDF 4,01 Euro (was sich 2002 zu Einnahmen von 1,56 Milliarden Euro summierte). Schon jetzt zeichnet sich für die ZDF-Spitze ab, dass der Sender die Gebührenperiode bis 2004 mit einem Defizit von 200 Millionen Euro abschließen wird – trotz Reduktion der Sachkosten und beim Personal. Und der Sparkurs geht weiter: Eine so genannte „Effizienz-Agentur“ im Sender soll pro Jahr eine Sparsumme von 50 Millionen Euro ausfindig machen. Eine Alternative besitzt Schächter nicht. Die Werbeerlöse des ZDF werden 2003 um 37 Millionen Euro auf 121 Millionen einbrechen. Schächter wird doppelt aufpassen müssen, in der Medienpolitik wird mehr über ein Ende der Werbung in den öffentlich-rechtlichen Sendern diskutiert, als über eine Ausweitung der Werbezeiten.

Die Gebühren scheinen derzeit beim ZDF gut angelegt. Der Erfolg des Programms war „2002 so hoch wie zuletzt 1995“, sagte Schächter. Das ZDF bildet als Dritter mit RTL und ARD das führende Programm-Trio, im vergangenen Jahr konnte das Zweite mit 13,9 Prozent Marktanteil das Erste mit 14,3 fast einholen, was der frühere Programmchef Schächter als Erfolg verbuchen kann. Die Akzeptanz des zweiten Kanals liegt eindeutig im Abendprogramm begründet. Neben gut eingeschalteter Fiktion wie dem „Samstagkrimi“ sind es vor allem die Informationsangebote, die ankommen. Laut ZDF-Rechnung haben „heute“ und „heutejournal“ 2002 mit durchschnittlich 8,62 Millionen Zuschauern die ARD-Konkurrenz von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ (8,25 Millionen) überholt. Nach ARD-Lesart ist die Rechnung falsch: Würden auch die Zuschauer der „Tagesschau“ in den Dritten Programmen, in 3 sat und Phoenix, zur Quote im Ersten addiert, dann würde die ARD das ZDF um mehr als vier Millionen Seher übertrumpfen. Rechenspiele großer Jungs.

Markus Schächter war am 9. März 2002 nach parteipolitischen Hakeleien „als einer der am sorgfältigsten ausgewählten Intendanten“ an die ZDF-Spitze gekommen, wie er mit feiner Ironie anmerkte. Das erste Amtsjahr musste der Befriedung des Hauses gelten. Schwierig, und bei der Bestimmung des neuen Programmdirektors nicht wirklich geglückt: Für seinen Wunschkandidaten, Fernsehspielchef Hans Janke, konnte er keinen Weg durchs parteipolitische Gestrüpp finden. Trotzdem, das Gesamtpaket der Personalien – so die gelungene Nachfolge Wolf von Lojewskis durch Claus Kleber – beweist das sichere Händchen dieses „Programm-Intendanten“. Eine sehr langfristige Maßnahme bleibt die Verjüngung des ZDF-Publikums. Mit durchschnittlich 58 Jahren hat das Zweite mit die älteste Seherschaft. „Bravo TV“ und die „Schöneberger-Show“ zeigen in ihrer erzwungenen Originalität, wie weit das Ziel eines „jungen ZDF“ entfernt ist. Aber der Wille ist da. Wenn Schächter sagt, das ZDF sei auf dem Weg von der „aufgeklärten Behörde“ hin zu einem „innovativen Programmunternehmen“, dann hat er die neue Bewegung mit angestiftet. Mehr vorsichtig als drängend, wie es die Art des Pfälzers ist.

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