Medien : Mainzer Aufschwung

Jünger, klüger, heiterer: Die Pläne von Programmdirektor Thomas Bellut fürs ZDF

Joachim Huber

Thomas Bellut hat etwas vom Ampelmännchen. So oft spricht er vom „grünen Bereich“, und wenn er nicht vom „grünen Bereich“ redet, dann spricht er vom „roten Bereich“. Bellut ist Programmdirektor des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF); seine Aufgabe besteht darin, dem Programm aus Mainz über die Zehn-Prozent-Hürde zu helfen. Dort ist der „grüne Bereich“, der Bellut glücklich macht. Noch gibt es Punkte auf der ZDF-Programmkarte, die rot bis tiefrot blinken. Der Nachmittag ist tiefrot. Als das ZDF die glorreiche Idee hatte, die Gerichtsshow „Streit nach drei“ gegen die US-Serie „Reich und schön“ auszutauschen, da wurde selbst das schmale ZDF-Publikum um diese Zeit noch schmaler. Das soll sich von Februar 2004 an ändern. Nach dem „Mittagsmagazin“ werden Dokumentationen zu einer Sendefläche mit dem Label „Wunderbare Welt“ konzentriert, danach kommt eine Novität: eine „Polizei-Soap“, die „zum Zweck einer größeren Zuschauerbindung täglich laufen soll“, sagt Bellut. Es werde kostengünstig produziert, und es wird durchaus zu Sat 1 geschielt, das mit den semi-dokumentarischen Formaten wie „Niedrig und Kuhnt – Kommissare ermitteln“ seine Quoten-Probleme am späten Nachmittag beheben konnte. Nicht ausgeschlossen, dass das empfindsame ZDF, das schon bei der eigenen Gerichtsshow die Grenze an gesellschaftlicher Zumutbarkeit überschritten sah, auch bei der „Polizei-Soap“ lieber Politessen beim Strafzettel-Verteilen zeigt als harte Schupos, die harte Jungs einbuchten. Das neue Format schmeckt nach „Soko Light“.

Die „Polizei-Soap“ soll jüngeres Publikum ziehen, von dem das ZDF so viel nicht hat. Von Pro 7 weiß das ZDF zum Beispiel, dass der Privatsender mit „Galileo“ und „Terraluna“ Wissen und Staunen und junges Publikum verbindet. Das will auch das ZDF können, weswegen Bellut für Mittwochabend, am liebsten im Anschluss an „heute“, ein neues Wissensmagazin mit 30 Terminen im Jahr anschiebt: Dafür sollen die Reihen „Gesundheitsmagazin Praxis“ und „Abenteuer Wissen“ aufgegeben und deren Redaktionen zusammengelegt werden. Damit verliert Wolf von Lojewski die Moderation von „Abenteuer Wissen“, was den früheren Korrespondenten wieder in die große weite Welt aufbrechen lässt. Für die Wissensdurstigen will Bellut geklärt wissen, „wie eine Aspirin-Tablette funktioniert“, wer sich mehr für die Forschung rund um diese Tablette interessiert, der wird bei „Abenteuer Forschen“ mit Joachim Bublath weiterhin aufgeklärt.

Das ZDF knabbert nach wie vor an dem Problem, das ältere und sehr treue Publikum zu halten, zugleich beim jüngeren Publikum zu punkten. An Versuchen hat es nicht gefehlt, an gescheiterten schon gar nicht. „Bravo TV“ am Sonnabend ist ein Flop und wird eingestellt. Ersatzweise implantiert Bellut ab 18. Februar 2004 eine der ach so beliebten Casting-Shows ins Programm: „Junge Menschen werden bei ihrer Ausbildung an der Musicalschule in Hamburg begleitet“, sagt Bellut. Überhaupt geht vom Mainzer Fernsehsender nicht die schiere Innovation aus, auch bei den weiteren Programmen zeigt sich die Kraft des Senders zur Variation. Das Casting-Fernsehen, wie es die Privatsender exerzieren, übersetzt das ZDF in die Suche nach der „Deutschen Stimme“, das Reality-TV (ARD) „Schwarzwaldhaus“ verlängert Mainz mit „Sternenflüstern“ und der Frage, ob zwei deutsche Familien den sibirischen Winter überleben können; das Mit-Mach- Fernsehen à la „Deutschland sucht den Superstar“ will der „Geschichtssender ZDF“ (Bellut) in den Superlativ „Die besten Deutschen“ transformieren. Auch die Ost-Show wurde anderswo erfunden, bei RTL nämlich, aber das ZDF reagierte schneller und ging mit der „Ostalgie-Show“ auf Zuschauerfang. Der Osten fasziniert das ZDF derart, dass Haus-Historiker Guido Knopp eine Nazi- Pause einlegt und im Frühjahr die „Geschichte der DDR“ aufarbeiten wird.

Weil das ZDF 40 geworden ist, hat es einige Longseller im Bestand. „Aktenzeichen XY …“ gehört dazu. Die erste „Doku-Soap des deutschen Fernsehens“ (Bellut) schwächelte zuletzt und soll überarbeitet am Donnerstag neu platziert werden: Gangsta-Rappa wird’s nicht, das ZDF will Erfolge bei der Fahndung und bei der Quote dank seriöser Zusammenarbeit mit der Polizei. Umspült wird das Gauner-Casting am Donnerstag von der Volksmusik, beim ZDF traditionell stark und fest in weiblicher Hand bei Moderation und Publikum. Das ZDF hat Carmen Nebel von der ARD weg engagiert, die neben dem Volksmusik-Denkmal Carolin Reiber und Jung-Talent Andrea Ballschuh („Traumland …“) die Quoten vom grünen in den giftgrünen Bereich treiben sollen. Auch sonst scheut das Mainzer Fernsehen Gefühlsschauer nicht. Der Sendeplatz am Sonntag, 20 Uhr 15, wird fürs rosatote Rosamunde-Pilcher-Fernsehen reserviert.

Wo andere Sender, speziell am Freitagabend die Kommerziellen, das Publikum lachen und lachen lassen, ist das ZDF-Programm ein blinder Fleck. Da will Bellut ran, ein Doppelpack mit zwei Situationskomödien („Halt durch, Paul“ mit Horst Schroth) wird es am Dienstag geben. Bellut träumt von einer „Multikulti-Sitcom“ und denkt an all die Einwanderer und Nichtdeutschen in Deutschland. Was der Programmdirektor des ZDF ein wenig beklagt: „Das ZDF-Programm ist zu wenig überraschend.“ Was er heftiger beklagt: Das Programm sei zu traurig, er will es „heiterer haben“. Er denkt da an Comedy, die im zweiten Programm nie heimisch werden konnte, und er schaut dabei nicht heiter drein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben