Medien : Maischbergers Metamorphosen

Letzte Show aus Berlin: Wie die Polit-Talkerin mit dem Kuschel-Format kämpft

Barbara Sichtermann

Das Fernsehpublikum, soweit es Sandra Maischberger als Polit-Talkerin auf n-tv schätzte, schaltete natürlich auch die „Menschen bei ...“ am Dienstag im Ersten ein, in der Hoffnung, zu erleben, wie sich der Kuscheltalk, den zu verachten es geneigt ist, mit den klugen Fragen einer gestandenen TV-Journalistin zum Qualitätsfernsehen steigert. Was ist daraus geworden? Hat Maischberger den Soft-Talk aufgewertet, oder hat das Format ihr sein Gesetz aufgedrückt und sie in den Sumpf der schieren Beliebigkeit runtergezerrt?

Man hat sich in der Mitte getroffen. Maischberger kann die politische Interviewerin in sich nicht ganz verleugnen, und wenn Minister Clement so tut, als sei er völlig unbesorgt, sagt sie mit Nachdruck: „Bitte schön…!“, was so viel heißen soll wie: „Erzählen Sie mir doch nichts.“ Auch bleibt sie im Gespräch mit Society-Figuren wie Gunilla von Bismarck zuweilen steif, man merkt ihr an, dass sie nicht wirklich wichtig findet, wie die Nachfahrin des Eisernen Kanzlers die spanische Hochzeit fand. Das ist zwar sympathisch, verstößt aber gegen den Imperativ des Soft-Talks: Gib’ deinem Gast das Gefühl, er sei der wichtigste Mensch auf der Welt. Biolek konnte das. Maischberger übt noch. Das Format also schnappt nach ihr. Es wird sie schon nicht fressen. Doch es könnte ihre schöne Ernsthaftigkeit angreifen.

Man kann es ja nicht leiden, das In-Kästchen-Sortieren, aber beim Fernsehen, dieser unübersichtlichen Veranstaltung, in der fast täglich eine neue Programmfarbe gemischt wird, ist man ohne Sortiermaschine aufgeschmissen. Dabei werden hier ständig Genres, Typen und Formate gekreuzt, die Schublade hat als Ordnungsprinzip immer schon geklemmt. Maischberger war mit dem Label „Polit-Talk“ versehen worden, der Soft-Talk mit dem Etikett „belanglos“. Nun ist die Moderatorin aus der Kiste gehopst, sie will mehr und anderes.

Warum soll sie es nicht schaffen, ein neues Programm zu kreieren: den belangvollen Personality-Talk? Ansätze dazu hat sie geliefert. Schon die Hartnäckigkeit, mit der sie in ihrer Abschiedsvorstellung vor der Sommerpause die „Marke“ Verona Feldbusch, verheiratete Pooth, nach Sinn, Unsinn und möglichem Folgeschaden ihrer Namensänderung befragte, hatte Stil. So richtig belangvoll war es noch nicht, dafür eine Spur absurd-komisch.

Es ist schon erstaunlich, dass das Fernsehen, ein Medium, das jede Art Heuchelei, Angeberei und Künstlichkeit begünstigt, dann doch wieder offen ist für die Stunde der wahren Empfindung – die hier allerdings nur Sekunden dauert. Will sagen: Die umkämpfte Wahrhaftigkeit, die alle erstreben und verfehlen, erscheint zuweilen unverhofft in den Mienen eines Gastes, einer Moderatorin, eines Schauspielers. Dann sind alle glücklich. Auch in Talkshows passiert es, dass die Arbeit, die ein Gedanke oder Affekt im Gesicht vollführt, zu einem überzeugenden Moment wird, zum Auftritt der berühmten Glaubwürdigkeit, die gerade im TV, im Reich des Hypes, so viel zählt. Maischberger verbürgt diese Art Aufrichtigkeit, ihr stets genauso viel Neugier wie Skepsis spiegelndes Antlitz widerstrebt dem sterilen Plastik-Charme, den viele ihrer Kollegen ausstrahlen.

Je stärker sie sich in Richtung Unterhaltung von ihren Ursrpüngen wegbewegt, desto hilfloser und leerer wirken ihre Züge. Das ist manchmal zum Lachen; damit es aber amüsant wird, muss Maischberger noch ein paar Chips in ihrem Oberstübchen auswechseln. Hoffentlich verführt sie das Kölner Pflaster, zu dem die Treulose jetzt rübermacht, nicht dazu.

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