Medien : „Man darf mich betrügen“

Herbert Feuerstein über Nischen, sein Testament und die Frage, ob Harald Schmidt so viel Geld wert ist

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Herr Feuerstein, eine leichte Frage zum Anfang: Was ist Fernsehen?

Das Medium der Ahnungslosigkeit. Da kann jeder mitreden, sogar ich. Zum Beispiel zum Thema Sport. Ich habe nie einsehen können, warum der Mensch seinen Körper zusätzlich strapazieren soll, wo doch schon die bloße Existenz anstrengend genug ist.

Wovon noch haben Sie keine Ahnung?

Von dem, was Sie hier mit mir vorhaben. Arbeiten Sie schon an meinem Nachruf? Immerhin bin ich weit über 60…

Wir wollen nur den Dingen auf den Grund gehen. Was sind Sie eigentlich von Beruf?

Ich hoffe, es kränkt Sie nicht allzu sehr, wenn ich sage: Journalist. In diesem Beruf habe ich immerhin zehn Jahre in einer richtigen Redaktion gearbeitet. Komiker würde ich mich ungern nennen, klingt mir zu sehr nach zwanghaftem Lachsack. Entertainer bin ich auch nicht wirklich. Und die Bezeichnung Satiriker trifft schon gar nicht zu, weil das ein Lehrberuf ist, mit einer moralischen Plattform. Meine Plattform ist die ironische Distanz zu den Dingen, vor allem zu mir selbst. Humor definiert sich für mich über Selbstzweifel, nicht Überlegenheit oder Besserwisserei. Vielleicht ein Ergebnis von zwanzig Jahren Arbeit bei MAD.

Sehr weise, Herr Feuerstein.

Ich danke Ihnen. War’s das jetzt?

Eine Frage noch: Hat MAD Sie endgültig verrückt gemacht?

MAD war nie verrückt. Wir haben uns nicht ohne Grund die „vernünftigste Zeitschrift der Welt“ genannt.

Das war doch der pure Nonsens.

Nonsens war nur unser Stilmittel. Die Botschaft lautete: Nehmt die selbst ernannten Vordenker nicht ernst, euch selber schon gar nicht. Und zimmert daraus ein eigenes Weltbild. Ich wurde in den sechziger Jahren in Amerika mit diesem „Virus der Verarschung“ befallen, wie ich das immer gerne nenne, und habe ihn dann in Deutschland in die Hirne der Heranwachsenden gepflanzt.

Ist die Saat aufgegangen?

Ich glaube schon. Sogar im Fernsehen, obwohl sie dort nur noch in Nischen gedeiht, weil seit den letzten zehn Jahren zunehmend der Markt regiert, nicht mehr der Verstand. Meiner Meinung nach gehört der Humor sowieso nur in Nischen. Bei der lachenden Mehrheit habe ich mich nie wohl gefühlt.

Was wollen Sie eigentlich?

Gesund sterben. Ich fühle mich wohl, wo ich bin.

In der Nische.

Die Nische ist das private Königreich. Ich gehöre nicht zu den Menschen mit einem tiefen Willen zur Veränderung, dazu bin ich zu pessimistisch. Es reicht mir, wenn’s nicht schlechter wird. Man muss damit leben, dass die Welt bunt und verschieden ist, wie sie’s nun mal ist. Solange man mich damit nicht stört, soll jeder tun und lassen, was er will.

Ein Moslem soll ruhig weiter seine drei oder vier Frauen haben dürfen. Das finden Sie diskutabel.

Für mich persönlich ist das überhaupt nicht diskutabel. Aber ich würde dem Mann deshalb nicht den Krieg erklären.

Sie haben die Welt bereist. Reisen heißt lernen, sagt man. Sie könnten ja auch gelernt haben, dass eine einzige Frau viel zu wenig ist für einen Mann.

Kann es sein, dass Sie Reisen mit Polygamie verwechseln? Mein Lernprozess war eher umgekehrt: Eine einzige Frau ist oft zu viel für einen Mann. Ganz abgesehen davon kann man auf Reisen ohnehin niemals sich selbst entkommen. Eine Erkenntnis, die sicher alle jene schmerzt, die meinen, sie müssten nur irgendwo aus dem Flugzeug steigen, und schon seien sie jemand ganz Anderer.

Warum reisen Sie überhaupt?

Weil ich neugierig bin. Weil ich, bevor ich sterbe, noch etwas von der Welt begriffen haben will.

Heimat, sagt Ihnen das etwas?

Sie spielen darauf an, dass ich in Österreich geboren wurde, lange in den USA lebte und nun die deutsche Staatsbürgerschaft habe. Ich hatte nie in meinem Leben National- oder Heimatgefühle. Ich könnte überall leben, wo es mein Arbeitsgebiet gerade verlangt. Ich fühle mich überall gleich unwohl.

Sie sind jetzt 67 Jahre alt. Stimmt das?

Stimmt. Sie zweifeln aber wirklich an allem. Sehe ich so alt aus? Oder macht mich meine Infantilität jünger? Dabei habe ich überhaupt keine Geheimnisse. Außer solche, von denen Sie keine Ahnung haben.

Haben Sie schon Ihr Testament gemacht?

Natürlich. Man sollte seiner Witwe keine ungelösten Probleme hinterlassen. Also: Schreibtisch aufgeräumt, peinliche Briefe vernichtet und alle Steuern bezahlt. Vor allem das letztere.

Sie sind ja ein richtiger Spießer.

Wenn Sie als Spießer jemanden definieren, der andern nicht zur Last fallen will, dann könnte ich mit dieser Beschreibung durchaus leben. Wenn Sie aber darunter einen Menschen mit beschränktem Horizont verstünden, möchte ich Ihnen energisch widersprechen.

Ein Spießer ist ein Mensch, der alles tut, was die Autoritäten von ihm verlangen.

Sie wirken ja auch nicht gerade wie jemand, der ständig im Clinch mit seinem Chefredakteur liegt. Ich finde es lächerlich, sich um Dinge zu streiten, die es nicht wert sind. Ich habe da eher eine „Leck-mich-am-Arsch“-Haltung: Man darf mich betrügen, aber man muss es nett machen. Ich lasse kaum jemanden so nah an mich ran, dass er mich betrügen könnte. Ich brauche viel Distanz.

Sie sind nur noch sporadisch im Fernsehen zu sehen. Können Sie ohne leben?

Ich habe es schon oft gesagt, aber offenbar glaubt mir das niemand: Ich definiere mich nicht übers Fernsehen. Ich bin ein schreibender Mensch. Zum Fernsehen bin ich eher zufällig gekommen, sehr spät in meinem Leben noch dazu. Eine Fernsehkarriere war nie mein Ziel. Hätte ich eine solche angestrebt, hätte ich mich ganz anders verhalten müssen. Dann wäre ich auch gleich viel netter zu Ihnen.

Was würden Sie sagen, wenn wir sagten: Ohne das Fernsehen wären Sie nichts?

Schade, dass Sie dieses Medium so überschätzen. Ohne das Fernsehen wäre ich vielleicht ein bisschen zufriedener mit mir. Wenn das Fernsehen nicht gekommen wäre, hätte ich mich mit Dingen befassen müssen, die mir wichtiger wären. Trotzdem bin ich dem Fernsehen dankbar, auch wenn es für meine Art der Nische ein paar Nummern zu groß ist.

Ihr Ex-Kollege Harald Schmidt ist für einige Millionen Euro zur ARD gegangen. Was sagen Sie dazu?

Ich kenne niemanden, der derartig genial die ARD abzockt. Das finde ich bewundernswert.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber

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