Medien : Man nimmt ja nichts mit

Doku über die Generation 90 plus: Nachdenkliche Unterhaltung mit einer Wachstumsgruppe

Barbara Sichtermann

„Unterhaltung mit einer Wachstumsgruppe“ heißt der Film im Untertitel, und darin sind gleich zwei Doppeldeutungen versteckt. Dass Unterhaltungen im Sinn von Gesprächen mit alten Leuten Unterhaltung im Sinn von Entertainment bieten, ist die eine. Die andere: Eine Wachstumsgruppe sind die Senioren nicht nur, weil es immer mehr werden. Sondern auch, weil die Kohorte der Alten ihre Zeit nutzen kann und genutzt hat, um allerlei wachsen zu lassen: Erfahrung, Wissen, Überblick. Auch Seele und Humor. Und wahrhaftig: Thomas Bergmanns und Mischka Popps bezaubernde Unterhaltungsdoku löst alle vier Versprechen ein.

Bei den vier Protagonisten, die hier vorgestellt werden – sie alle sind jenseits der neunzig und leben in Hessen – handelt es sich um drei Damen und einen Herrn; Letzterer ist der Star des Films, aber weniger, weil er der einzige Mann, sondern weil er mit 99 Jahren der älteste, zugleich aber auch der aktivste und mitteilungsfähigste ist. Seine sehr viel jüngere Gattin kommt ebenfalls zu Wort. Herr Lemme war Richter und konnte die SA-Uniform in seinem Gerichtssaal nicht ertragen. Er war im Krieg und konnte nicht schießen. Jetzt ist er Staatsbürger und als solcher „nie im Ruhestand“. Er hat einst gegen die Startbahn West demonstriert und verfolgt heute mit Empörung, was die Deutsche Bank sich so leistet. Als Jurist und als Mensch streitet er weiterhin gegen „grobes Unrecht“. Aber er ist kein Querulant, sondern ein Mann, der viel erlebt hat und manches nicht noch mal erleben möchte. Ob es seine Wachsamkeit ist, die ihn so jung erhält? Oder ist es seine Alterslosigkeit, die ihn so wach sein lässt? „Ich weiß, es klingt lächerlich, aber ich fühle mich nicht alt“, sagt er schlicht.

Auch die mit 94 Jahren zweitälteste, Therese Ötzel, hilft, sie beiseite zu räumen, die störenden Vorurteile über die Generation 90 plus. „Ich frage mich manchmal: Wieso wirst du schon 95?“ Und sie sieht auch so aus: durch die roten Wangen und das liebe Lächeln scheint ein Mädchen hindurch. Und das ist mit sich im Reinen, es lebt immer noch durch die und mit der alten Frau. Was man ja so leicht vergisst: Dass sich alle Lebenszeitalter in einem Menschen ablagern, und eine gewisse Jugendlichkeit bei Alten gar nicht gespielt oder erzwungen sein muss, sondern dazugehört. „Ich lebe mein Leben“, sagt Frau Ötzel, „wie sich das gehört, und so will ich auch sterben.“ Sie ist auf ihre eigene Art jung geblieben. Sie hat sich gegen nichts gestemmt, sie hat sich vom Strom der Zeit tragen lassen, staunt verhalten über dessen Kraft. „Man sollte loslassen. Man nimmt ja nichts mit.“

Bergmann und Popp haben die Szenen ihres Films mit großer Achtsamkeit aufgenommen und montiert. Sie zeigen das hohe Alter als Lebensphase mit überraschenden Potenzialen, sie verzichten auch nicht darauf, Hinfälligkeit und Bedauern über das Schwinden der körperlichen Fitness zu thematisieren. So wenn die aktive Sportlerin Änne Jacob von ihren Meriten berichtet. „Ehrenmitglied“ ist sie im Turnverein, aber ihre Glanzzeit war gestern. Und Elisabeth Weber, die „als Bub“ erzogen wurde, weil sie die dritte Tochter war, die denkt mit Wehmut an die Zeit, in der sie „alles mit der Hand“ machen konnte und „nichts Elektrisches“ dazwischenkam. Sie hat Parkinson. Aber: „Solange ich mit meinem Wägelchen rumflitzen kann, geht’s mir gut.“

„Jung geblieben“ – das sagen wir von alten Leuten, die noch was bewegen, vor allem sich selbst. Aber ist das richtig? Müssten wir uns nicht dazu durchringen, dem Alter Bewegung – des Geistes, der Gefühle – ebenso zuzuerkennen, wie wir die Einbußen in Sachen körperlicher Flexibilität etwas weniger wichtig nehmen sollten? Wenn alle Generationen, die Kids ebenso wie die Senioren selbst, versuchen würden, über das Alter anders zu denken und zu reden als über einen Lebensabschnitt mit Defiziten, es also nicht (nur) an der Jugend zu messen, sondern es als Zeit für sich mit manchem eigenen „Plus“ zu verstehen – es wäre viel gewonnen. Bergmann/Popps Film geht einen schönen Schritt in diese Richtung.

„90 Jahre plus“, ZDF, 0 Uhr 11

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