Medien : Man stöhnt deutsch

Das Synchronisieren von Erotik- und Pornostreifen bedeutet harte Arbeit

Matthias Lohre

In der Zeitung lesen, sagt der Mann mit der sonoren Stimme, möchte er seinen Namen nicht. „Schließlich gibt es hierzulande immer noch diese Doppelmoral." Dann dreht er, der im Folgenden Herbert Wagner heißt, sich auf seinem Stuhl um, drückt am Mischpult einen der vielen Knöpfe und sagt zur Sprecherin hinter der Glasscheibe: „Schöner Ton, Kathrin. Behalt’ den." Die junge Synchronsprecherin im Studio schaut kurz herüber und nickt. Dann konzentriert sie sich wieder auf den nächsten Filmausschnitt. Auf dem Monitor erscheinen ein Mann und eine Frau; sie langweilt sich auf einer Couch. Die Dialoge erinnern an eine Seifenoper: „Ciao, Katarina." – „Ciao, David." - „Wie geht´s dir?" – „Danke, es geht mir gut, und dir?" – „Mmh, nicht besonders. Ich hab’ Geldsorgen." Neun Mal lässt Herbert Wagner die beiden Sprecher diese Sätze wiederholen, bis er mit der Betonung zufrieden ist. Hier, im Hamburger Tonstudio der Werbeagentur FFF, produzieren neun Schauspieler, ein Regisseur und ein Aufnahmeleiter an drei Tagen die deutsche Fassung eines Erotikstreifens.

„Decadent Love" heißt der Erotikfilm. In Ungarn gedreht und zunächst italienisch synchronisiert, zu sehen bei Beate-Uhse TV. Die Berliner füllen täglich zehn Stunden Sendezeit im Pay-TV-Sender Premiere. Mit Eigenproduktionen oder eingekauften Filmen. „Die Story von ,Decadent Love’ beruht auf dem Weltbestseller von Marc Levy ,Solange Du da bist’", sagt Wagner. Darin findet eine bei einem Autounfall getötete Frau nicht den Weg ins Jenseits. „Natürlich mit erotischen Verwicklungen", fügt er hinzu. Der 63-Jährige führt heute nicht nur die Dialogregie und achtet dabei auf die richtige Betonung der einzelnen Sätze. Er hat auch das Synchronbuch geschrieben, das die deutschen Texte möglichst genau den Lippenbewegungen der Darsteller anpasst.

Alle drei bis sechs Sekunden beginnt eine neue Textsequenz, ein so genannter Take. 350 bis 600 Takes gibt es pro Film, egal ob Erotikstreifen oder Hollywooddrama. Bei jeder Textpassage lässt der Dialogregisseur die Synchronsprecher anders atmen, pausieren und betonen, gibt Anweisungen wie „Souveräner, Stefanie!" und „Keine Schmatzlaute im Soft". Und die Sprecher, allesamt ausgebildete Schauspieler, befolgen jede Anweisung genau. Vermutlich werden sich nur wenige Zuschauer für die sprachlichen Feinheiten ihrer Arbeit interessieren, denn letztlich synchronisieren sie Sex. Es ist ein Job, und den wollen sie gut machen. Und zu viele Jobs gibt es in der krisengeschüttelten Film- und Fernsehbranche nicht.

„Hätte ich diesen Auftrag nicht bekommen, dann hätte ich meine Wohnung verkaufen müssen", sagt Herbert Wagner. Jeder kennt seine Stimme. In Fernsehspots bewirbt sie Bier und Wurst, auch in Hörspielen taucht sie seit Jahrzehnten immer wieder auf. Wagners Stimme ist sein Kapital, und deren Image will Wagner nicht gefährden. In den vergangenen 30 Jahren, schätzt Wagner, hat er etwa 500 Filme und Serienfolgen synchronisiert. Aber erst seit einem Jahr arbeitet er ausschließlich an Porno- und Erotik-Streifen.

Bei ihrer Arbeit müssen die Synchronisateure von Erotikfilmen immer darauf achten, die fünf Kriterien für Pornografie zu umschiffen. Eines lautet: Die dargestellte Sexualität findet ohne jeden zwischenmenschlichen Beziehungszusammenhang statt. Ein anderes: Der Mensch wird auf die Rolle des jederzeit austauschbaren Lustobjekts reduziert. Also brauchen die Sex-Szenen eine Vorgeschichte, in die sich die Erotik einbetten lässt. Und die erfindet Herbert Wagner einfach. Eine Hintergrundstimme erzählt dann beispielsweise, wie „Jack" und „Sugar" einander schon vor Monaten bei der Arbeit kennen und vertrauen lernten. Ein paar solcher Kunstgriffe und die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) gibt diese Softcore-Version für die Fernsehzuschauer frei. Nach der Pause kommt die Hardcore-Version. Zwei Sprecher bearbeiten die Porno-Version eines Films, der in der entschärften Variante auch auf Beate-Uhse.TV laufen wird.

Die harte Fassung landet zunächst mal „im Eisschrank" des Konzerns, sagt der Dialogregisseur. Beim Hardcore-Film fallen die erfundenen Beziehungsgeschichten weg. „Da kann man dann ruhig alles zeigen", sagt Herbert Wagner. Im Synchrondrehbuch steht an diesen Stellen nur „Texte im Studio": Die Sprecher improvisieren, atmen und stöhnen, den Monitor immer im Blick. Zwischendurch gibt der Regisseur Tipps ins Studio, welche harten Sprüche die Sprecherin jetzt keuchen könnte. Anweisungen, die man von diesem charmanten Herrn nicht unbedingt erwartet hätte.

Mittlerweile muss die Synchronsprecherin darauf achten, nicht zu hyperventilieren. „Das passiert öfter, als man denkt. Es ist nämlich gar nicht so leicht, sich einem anderen Rhythmus anzupassen."

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen, sagen wir, amerikanischem und französischem Stöhnen? „Riesige", sagt Wagner. „Bei den amerikanischen Filmen fehlt jedes Gefühl. Die schreien geradezu, sind sehr extrovertiert und aufgesetzt, ja brutal. Französisches Stöhnen ist kindlicher, fast schüchtern. Und die Skandinavier, die lachen sogar beim Sex. Die haben richtig Spaß."

0 Kommentare

Neuester Kommentar