Medien : Mann-Festspiele

Katrin Hillgruber

„Das Literarische Quartett“ – Mittwoch, ZDF . „Ja, ich will hoffen, dass ich ihm einigen Dank abgestattet habe, dem Meer meiner Kindheit, der Lübecker Bucht“, schrieb Thomas Mann 1926. Da war er 51 Jahre alt, hatte mit dem „Zauberberg“ seinen Ruhm als Großschriftsteller gefestigt. Das ZDF hatte die schöne Idee, nach der Sondersendung zum 200.Todestag von Friedrich Schiller die zweite Extra-Ausgabe des „Literarischen Quartetts“ ins Casino nach Travemünde an den Ostseestrand zu verlegen. Weise auch die Entscheidung, sich auf vier der wichtigsten Erzählungen Thomas Manns zu beschränken: „Tristan“, „Der Tod in Venedig“, „Mario und der Zauberer“, „Tonio Kröger“.

Marcel Reich-Ranicki hatte am Samstag die Festrede zum 50. Todestag seines Lieblingsschriftstellers im Lübecker Buddenbrookhaus gehalten. Reich-Ranicki und sein Ehrengast Robert Gernhardt waren äußerst philologisch milde gestimmt. Es machte sich feierliche Vergnügtheit breit, so dass das auffallend junge Publikum vergeblich auf die berühmten Sottisen der „literarischen Kult-Sendung“ (ZDF) wartete. Nur die Erwähnung eines Bleistifts als Phallus-Symbol, der zwischen Band eins und zwei des „Zauberbergs“ von Hans Castorp zu Madame Chauchat wechselt, erinnerte an einstige verbalerotische Debatten. Da auch Hellmuth Karasek von der jodhaltigen Meeresluft ermattet schien, kam Iris Radisch die Rolle der Idol-Kritikerin zu: Den gewählten Duktus von „Der Tod in Venedig“ nannte sie ein „Deutsch, das im Seidenpyjama geht“. Als sich anhand von „Mario und der Zauberer“, einer Erzählung, die unter dem Eindruck des italienischen Faschismus entstand, eine Debatte über die Mechanismen politischer Verführung entspann, offenbarte sich wieder einmal die gähnend große Leerstelle, die das reguläre „Literarische Quartett“ hinterlassen hat: Anspruchsvolle Literatur verträgt keine Verkleinerung zum „Lesetipp“. Sie braucht zur angemessenen Vermittlung im Fernsehen den Disput mehrerer Temperamente, nicht aber die Lobhudelei in Monolog- oder höchstens Dialogform, wie sie die Nachfolgesendung „Lesen!“ praktiziert.

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