Medien : Mann und Mania

Bezwingend: Walter Sittler ist der Schauspieler der Fernsehstunde

Barbara Sichtermann

Es gibt Konjunkturen an der Börse, in der Realwirtschaft und bei der Beliebtheit von Fernsehstars, und zwischen beiden soll ein Zusammenhang bestehen. Bei steigenden Umsätzen und vollen Kassen im Land gehen auch Fernsehzuschauer gern mal ein Risiko ein und erwärmen sich für schräge Vögel wie den legendären Zlatko. Kaum aber hat die Rezession eingesetzt, werden sie grundsolide, kehren sich von „Big Brother“ ab und schwören sich auf Günther Jauch ein. Heute ist dieser Moderator mit der Ausstrahlung eines nimmermüden Rotekreuzhelfers der Liebling deutscher Fernsehgucker.

Es gibt aber auch den gegenteiligen Effekt. Man kennt ihn aus der Geschichte des Films im „Dritten Reich“. Mitten im Krieg wurden Schnulzen gedreht mit süßen Diseusen, und der Star Heinz Rühmann setzte seine urzivile Persönlichkeit in Zeiten der Verherrlichung von Kampf und Front als Sedativum ein. Der Zusammenhang zwischen der Lage der Nation und der Beliebtheit schillernder oder seriöser Film- und Fernsehfiguren ist jedenfalls nicht eindeutig und nicht linear. Dennoch lässt sich aus den Vorlieben der Zuschauer (mit Vorsicht!) auf ihre Gefühlslage schließen.

Zum Beispiel Walter Sittler. Dieser Schauspieler hat sich als Partner von Mariele Millowitsch in den Serien „Girl Friends“ und „Nikola“ Ruhm erworben und ist heute in weiteren Serien, darüberhinaus in allerlei TV-Movies, auf sämtlichen Kanälen präsent. Die „Fälle für den Fuchs“ auf Sat 1 sind hochbeliebt, und die für den „Herrn Sand“ auf RTL nicht minder. In beiden brilliert Sittler als Protagonist; einmal, als „Fuchs“, ist er eine eher schillernde Figur, betreibt seriöse ebenso wie krumme Geschäfte, ein anderes Mal, als „Sand“, mimt er einen Psychologen mit „multipler Zwangsneurose“, dessen bizarre Störungen aber nur die andere Seite seiner genialen Intuition bei der Aufdeckung seiner „Fälle“ sind. Dass die Idee von der US-Serie „Monk“ geklaut ist, scheint dem Publikum nichts auszumachen. Es ist begeistert. Walter Sittler stemmt auch diese Chose, gegen ihn ist nichts auszurichten. Was ist das Geheimnis seines Erfolges?

Es liegt, wie so oft bei Fernsehstars, in den schwer zu fassenden Besonderheiten seiner physischen Erscheinung. Sittler vereint kompakte, grobkörnige Männlichkeit der Gestalt und des Gesichts so mit Eleganz der Bewegungen und Feinschliff der Mimik, dass eine bezwingende männliche Erotik entsteht, die ihn eigentlich auf das dramatische Helden- und Liebhaberfach festlegen müsste. Dass dies nicht geschieht, dass der Schauspieler in Komödien und in Rollen mit Bruch (Fuchs, Sand) immer noch am besten aufgehoben ist, liegt daran, dass ihn seine eigene Stattlichkeit nicht umhaut, dass er ein Augenzwinkerer und Spaßmacher geblieben ist, obwohl er dafür viel zu schön ist und viel zu gradlinig zu sein scheint.

„Der Mann wirkt solide, authentisch, zuverlässig“, sagt Medienkenner Jo Groebel in der Zeitschrift „TV Movie“. „In wirtschaftlich unsicheren Zeiten kommen solche Typen gut an.“ Ha, da hat aber Groebel die andere Hälfte weggelassen, all die Filous und Spielertypen, die Sittler so liegen und denen er sein Renommee verdankt. Im Film „Ein Geschenk des Himmels", der gestern im Ersten gelaufen ist, spielt er einen Bankrotteur und Weiberhelden, der an einer Betschwester hängen bleibt. Bis es soweit ist, hat er ein paar Hürden zu überwinden. Und seufzt: „Vielleicht habe ich einfach nicht genug Sexappeal für die ganz frommen Bräute.“ Dabei weiß er genau, dass das Gegenteil zutrifft. Er hat zu viel. Und ist in dieser Rolle wohl authentisch, solide aber nicht.

Was beweist nun die Sittler-Mania in Sachen Lage der Nation? Zunächst nur, dass der Typ den Frauen gefällt, die ja das Gros des Publikums stellen. Sodann, dass die dramatische Verwicklung, die man mit dem Mann und seinem Sexappeal automatisch verbindet, im Vorhinein entschärft wird durch die Prise Humor, die Sittlers Spezialität ist. Dass in unsicheren Zeiten ein Held ankommt, der einfach nicht an die Malaise glaubt und obendrein auf nicht so ganz saubere Tricks setzt, um seine Haut und die Braut zu retten, das könnte ein erfreuliches Zeichen sein. Im Sinn von „Alles halb so wild“.

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