Medien : Marcel Reich-Ranicki: Das literarische Duett

Michael Burucker

In Anlehnung an seine Sammlung ausgewählter Rezensionen, die unter den Titeln "Lauter Lobreden" und "Lauter Verrisse" erschienen sind, nennt das Südwestfernsehen die neue Gesprächsreihe mit Marcel Reich-Ranicki "Lauter schwierige Patienten". Im Gespräch mit Peter Voß, Intendant des Südwestrundfunks (SWR), "verarztet" der Pop-Star der Literaturkritik in sechs Folgen bedeutende deutsche Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts wie Bertolt Brecht, Max Frisch, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Erich Kästner und Elias Canetti. Die Sendung aus dem gediegenen Schlosshotel "Bühlerhöhe" bei Baden-Baden geht auf die Anregung von Peter Voß, selbst Autor eines Lyrik-Bandes, zurück: Er möchte Reich-Ranickis persönliche Erlebnisse mit den Größen der Literatur, die dieser in seinem Bestseller "Mein Leben" schildert, vertiefen.

Weniger die Literaturkritik oder das Werk der Autoren stehen in diesem literarischen Duett im Vordergrund, sondern vielmehr die Person des Dichters. Aufgefallen sind dem 81-Jährigen immer wieder Züge, die ihm selbst nicht selten nachgesagt werden: etwa der Hang zur Selbstinszenierung und eine solide Portion an Eigenliebe. Vor allem Brecht, dem die erste Sendung (Südwest 3, 23 Uhr 15, Wiederholungen am 11. Juli in B 1 und am 14. Juli in 3 sat) gewidmet ist, sei ein "ich-bezogener Karrierist" gewesen, gleichwohl: "Einen Bedeutenderen habe ich nie kennengelernt." Reich-Ranicki begegnete dem Dichter 1952 in Warschau und traf auf einen Menschen, dem, selbst von Luxus umgeben, die Nöte anderer gleichgültig waren. "Er kannte damals ein einziges Thema: sein Werk, sein Theater." Ausführlich geht Reich-Ranicki auf eines seiner Lieblingsthemen ein: Brechts reges Liebesleben und dessen erotische Gedichte, wenngleich er von dem Charisma, das Frauen so beeindruckte, nichts bemerkt habe. Spürbar gewesen sei aber "eine zielbewusste Energie, ein beinahe schon unheimlicher Wille".

Die Neigung zur "Selbstglorifizierung" sah Reich-Ranicki auch beim Literaturnobelpreisträger Elias Canetti. Die wohl schwierigste seiner "Patienten" war Ingeborg Bachmann. Obwohl unsicher, gehemmt und unglücklich, habe auch sie allerlei Tricks angewandt, um - etwa durch geflüsterte Lesungen - in den Mittelpunkt zu rücken. Nicht nur sein Verhältnis zur "First Lady der Gruppe 47" beschreibt der verrissfreudige Kritiker als zeitweise kühl. Immer wieder nahm Reich-Ranickis Beziehung zu den von ihm bewunderten Autoren durch seine harschen Urteile Schaden. Vor allem Böll bekam dies zu spüren - Böll, den Reich-Ranicki persönlich tief verehrte: "Wenn ich ihm Schmerzen zufügen musste, habe ich selber Schmerzen dabei empfunden."

Das anekdotische Betrachten von Literaturgeschichte, gepaart mit Reich-Ranickis Temperament und seinem schier unerschöpflichen Vorrat an Erinnerungen, die Voß durch gezieltes Nachfragen aufs Neue weckt, dürfte auch das Interesse eines literarisch weniger interessierten Publikums wecken. Dennoch verhindert der Einsatz des prominenten Zugpferdes nicht, dass das Zwiegespräch zu wenig prominenter Sendezeit (bisweilen erst gegen Mitternacht) ausgestrahlt wird. Kultur zur Hauptsendezeit - das scheint auch bei den Dritten nicht mehr möglich, daran konnte selbst der Erfolg des "Literarischen Quartetts" nichts ändern. Dass die Sendung keinen Platz im Ersten fand, scheint mit den üblichen Eifersüchteleien unter den ARD-Anstalten zu tun zu haben. Ein Intendant als Moderator - das würde Forderungen der anderen Anstalten nach ähnlichen Podien für den eigenen Senderchef zur Folge haben. "Intendantenfernsehen" wolle man nicht, sagte SWR-Sprecher Stephan Reich. Wahrscheinlich jedoch ist, dass neben dem SFB noch weitere dritte Programme die Reihe übernehmen. Demnächst werden sechs neue Folgen aufgezeichnet.

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