Margaret Rutherford : Tee im Blut

Margaret Rutherford: Eine Arte-Dokumentation über das weitgehend unbekannte Leben der Frau, die Miss Marple war.

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Einen Blick für britische Frauen hat Maler Michael Noakes, der nicht nur die Queen, sondern auch „Miss Marple“ Margaret Rutherford (Bild) porträtieren durfte. Foto: Arte
Einen Blick für britische Frauen hat Maler Michael Noakes, der nicht nur die Queen, sondern auch „Miss Marple“ Margaret Rutherford...Foto: © Florianfilm

„Sie ist eine britische Institution: Sie war so englisch, wenn sie sich geschnitten hätte, hätte sie wahrscheinlich Tee geblutet“, so der Autor Andy Merriman über Margaret Rutherford, über die er 2009 in England eine Biografie publizierte. Von Kopf bis Fuß durch und durch britisch – das ist Margaret Rutherford ebenso wie jene Rolle, die sie in der ersten Hälfte der 60er Jahre berühmt macht: Miss Jane Marple, ihres Zeichens Hobbydetektivin, von Schriftstellerin Agatha Christie ins Leben gerufen. Dem Mythos der fiktiven Figur der Miss Marple, vor allem aber dem von so manchem Geheimnis durchzogenen realen Leben der kauzigen Margaret Rutherford, widmet sich nun ein neuer 90-minütiger Dokumentar-Langfilm: „Die wahre Miss Marple – Der kuriose Fall Margaret Rutherford“ der Autoren Andrew Davies und Rieke Brendel.

Das Leben der Margaret Rutherford ist kein leichtes. Am 11. Mai 1892 in London zur Welt gekommen, wird sie in eine Familie hineingeboren, in der es ein dunkles Geheimnis gibt: Ihr eigener Vater, William Benn, der sich später William Rutherford nennt, erschlug im Jahre 1883 seinen eigenen Vater, den Pastor Julius Benn, mit einem Nachttopf. Margarets Vater gilt als geisteskrank, als wahnsinnig, er wird schließlich 1904 in das Broadmoor Hospital eingewiesen, eine Irrenanstalt. Margarets Mutter wiederum, Florence Rutherford, erhängt sich 1895 in Indien, als die kleine Margaret gerade zwei Jahre alt ist. Die Umstände werden nie geklärt. Es ist eine Kindheit, die ein Albtraum ist.

Margaret wächst ohne Mutter und ohne Vater bei einer Tante in Wimbledon auf, in dem falschen Glauben, eine Vollwaise zu sein. Von dem dunklen Familiengeheimnis wird sie erst viel später einmal erfahren. Es wird zur lebenslangen Last, zu einer familiären Bürde, die sie nicht mehr los wird.

Nach der Schule in Wimbledon ist sie zunächst als Lehrerin tätig, Klavier und Rhetorik. Es ist das Jahr 1925 – da ist sie bereits 33 – , als Margaret Rutherford Schauspielunterricht an der renommierten „The Old Vic Theatre“ im Londoner Westend nimmt. Ihr Traum ist es, Schauspielerin zu werden. Die 40er werden Jahre auf der Theaterbühne, Margaret wird festgelegt auf den Typus der schrulligen exzentrischen Dame. So auch auf der Leinwand: Sie spielt in der Oscar-Wilde-Verfilmung „Ernst sein ist alles“ (1952) oder in „Hotel International“ (1963), für den sie den Golden Globe und den Oscar erhält.

Doch über allem liegt längst ein anderer Schatten: Margaret Rutherford ist schwermütig, und, wie Biografin Gwen Robyns einmal sagt, „nicht ganz von dieser Welt“. Sie leidet zunehmend unter schweren Depressionen, die sie kaum erträgt. Sie bekommt Spritzen und Elektroschocks. Ein Glück, dass es den getreuen Stringer Davis an ihrer Seite gibt, seit 1945 ihr eher platonisch-brüderlicher Ehemann, den sie auch für die vier zwischen 1961 und 1964 allesamt unter der Regie von George Pollock für die MGM-Studios inszenierten Miss-Marple-Filme als Mr. Stringer engagieren lässt, eine Rolle, die in den Christie-Romanen im Übrigen gar nicht vorkommt.

Zu den Preziosen der abendfüllenden Arte-Dokumentation, die stellenweise etwas zu lang geraten ist, zählen neben den neu geführten Interviews vor allem die wenigen Archivaufnahmen von Margaret Rutherford. Neben Ausschnitten aus einem Einzel-Interview, das sie der britischen BBC 1962 gibt, ein Jahr nach dem ersten Miss-Marple-Film „16 Uhr 50 ab Paddington“, ist ein gemeinsames mit Stringer Davis zu sehen, ebenfalls für die BBC. Es sind Aufnahmen von 1966, als sie die vier in Buckinghamshire entstandenen Miss-Marple-Filme hinter sich hat und mit ihren 75 Jahren bereits schwer gezeichnet ist von ihrer depressiven Erkrankung sowie von Alzheimer.

Es sind vor allem diese letzten SchwarzWeiß-Bilder von Margaret Rutherford und Stringer Davis – wie sie da nebeneinandersitzen, liebenswert schrullig, und doch von einer nicht zu übersehenden Schwere –, die nahegehen und nachgehen. Es sind sehr traurige Fernsehbilder jener Frau, die als charmant-charismatische Miss Marple in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Vor 40 Jahren stirbt Margaret Rutherford am 22. Mai 1972, elf Tage nach ihrem 80. Geburtstag.

„Die wahre Miss Marple - Der kuriose Fall Margaret Rutherford“, Sonntag, 21 Uhr 40, Arte

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