Maria Simon im Porträt : Die Weltanschauerin

Sie tanzt Tango mit der Natur, spielt die empathische Ermittlerin im „Polizeiruf“ und wäre am liebsten Kindergärtnerin: Ein Besuch bei Maria Simon.

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Maria Simon.
Maria Simon.Foto: rbb/Conny Klein

Es ist Mittag. Gerade hat Maria Simon ihre kleine Tochter aus der Kita abgeholt, den Abwasch gemacht und die Einkäufe sortiert. Jetzt setzt sie sich eine große, weiße Mütze auf den Kopf, hängt sich eine E-Gitarre um, zupft mit dem Plättchen die Saiten und singt: „Wir lassen die Gedanken frei, die alte Welt geht bald vorbei.“ Neben ihr an der Gitarre spielt der Ex-„Tatort“-Kommissar Bernd-Michael Lade, am Schlagzeug sitzt ein Freund. Für zwei Stunden wird das Pankower Einfamilienhaus zur Bühne einer Rockband. Die Songs tragen Titel wie: „Nachdenken“, „Irgendwann“ oder „Sommer der Anarchie“. Man fühlt sich in den DDR-Underground der 1980er Jahre zurückversetzt, Musik als Aufruhr gegen eine erstarrte Gesellschaft.

„Ich lebe anarchisch“

Maria Simon ist Schauspielerin, seit neun Jahren macht sie Musik. Mit Bernd-Michael Lade hat sie die Band „Ret Marut“ gegründet. Ihre Lieder bezeichnen sie als „Weltverbesserungsrock“. Ret Marut war das Pseudonym des Schriftstellers B. Traven, als er im Ersten Weltkrieg eine anarchistische Zeitschrift publizierte. B. Traven ist ihr Lieblingsautor. Sie hat einen ihrer drei Söhne nach ihm benannt. „Ich lebe anarchisch“, sagt sie. „Was für mich bedeutet, dass ich meine eigene Wahrheit suche, mit meinem eigenen Blick. Für mich zählt, was ich als richtig empfinde, aus eigener Sicht beurteile.“

Sie ist die Tochter einer Russin aus Kasachstan

Maria Simon ist vierfache Mutter, unkompliziert und natürlich. Sie trägt gern Boots und weite Hosen. Sie ist die Tochter einer Russin aus Kasachstan, in Leipzig kam sie zur Welt. „Meine Familie ist mir das Teuerste“, sagt sie. „Durch sie habe ich gelernt, den Druck rauszunehmen. Ich halte nichts von festgefahrenen, alten Strukturen oder Normen. Ich übe, von innen nach außen zu gehen und nicht umgekehrt. Am liebsten würde ich mich nur noch um meine Familie und die Kinder kümmern, zu Hause bleiben und uns alle aus dem Garten ernähren.“ Letzten Sommer war sie mit ihrer Familie auf einem Lehrgang für Permakultur in Österreich. Dort hat sie in einem Zelt auf einer Obstwiese geschlafen und gelernt, wie es ist, Tango mit der Natur zu tanzen. Maria Simon sagt Sätze wie: „Der Weg ist das Ziel“ und „Das Problem ist die Lösung“. Neulich fragte ihre Mutter, ob sie jetzt Buddha werden will.

Vom schrillen New York war sie geflasht

1976 wurde Maria Simon geboren, sechs Jahre später stand sie auf der Opernbühne in Leipzig. Mit dem Kinderchor sang sie dort Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“. Damals hatte sie kurze Haare, sah aus wie ein Junge und wurde „Mario“ gerufen. An den Wochenenden verkleidete sie sich als Prinzessin und trällerte die Lieder des Kinderkomponisten Reinhard Lakomy: „Geschichten erzählen von Freude und Fleiß, Geschichten erzählen, die noch keiner weiß.“ Maria Simon hebt die Stimme und trägt in ihrem schönen Alt fast das ganze Lied vor. Als sie zehn war, gingen ihre Eltern als Uno-Mitarbeiter der DDR nach New York. Maria Simon landete in einem Internat am Rande von Berlin: eine Pritsche, ein Schrank, mit ihrem Namen beschriftete Anziehsachen, kein Westradio und ein nach Alkohol riechender Erzieher. Sie spricht über diese Zeit im Stakkato, so als würde es ihr dadurch gelingen, sie schneller hinter sich zu lassen. „Als Kind hat man mit so einer Situation zu kämpfen“, erzählt sie. „Man fragt sich ständig, wer man eigentlich ist.“ Einmal im Jahr durfte sie für vier Wochen ihre Eltern besuchen. Zusammen mit ihrer Schwester Susanna flog sie aus der DDR ins schrille New York. Sie sei „geflasht“ gewesen, von Spiegeln in den Lobbys am Flughafen, von der Größe des Big Apple, dem grellen Licht der Werbung. Besonders blieben ihr die „homeless people“ in Erinnerung, die Obdachlosen. Sie stellte sich Fragen über Recht und Ungerechtigkeit, Gleichheit und Anderssein.

Sie sitzt jetzt im Schneidersitz auf dem gefliesten Boden in ihrer Küche, als wäre dies die beste Position zum Nachdenken. Das Haus, in dem Maria Simon wohnt, ist eine Oase mitten in der Großstadt Berlin, mit großen Räumen, hohen Decken und geschwungenen Balken. Es wirkt wie ein ausgebautes Landdomizil. Früher war es eine Kirche, in deren Kapelle zu DDR-Zeiten außer Gottesdiensten auch Geheimkonzerte stattfanden.

Eigentlich wollte sie Kindergärtnerin werden

Heute herrscht hier das gewöhnliche Chaos einer Großfamilie. Vier Kinder, das ist selbst für einen Bezirk wie Pankow ungewöhnlich. Eigentlich, sagt Maria Simon, wollte sie ja Kindergärtnerin werden. „Aber das bin ich nun auch so“, meint sie und lacht. Sie sieht jünger aus, als sie ist. Offenes Gesicht, braune Augen, hohe Wangenknochen. Wie ein neugieriges Mädchen, das ständig die Welt erforscht. Sie erzählt von schädlichen Kondensstreifen am Himmel, von stopfender Nahrung, von vorauseilendem Gehorsam. Wie Himmelskörper drehen sich ihre Gedanken um die vielen Dinge, die man tun könnte oder gegen die man etwas tun könnte.

Mit Devid Striesow hat sie einen Sohn

Als ihre acht Jahre ältere Schwester Susanna 1988 anfing, Schauspiel zu studieren, machte es bei Maria Simon „klick“. Erst da begriff sie, dass Schauspielerei ein Beruf ist, den man erlernen kann. Von New York aus, wo sie seit 1990 bei ihren Eltern lebte, bewarb sie sich nach dem Abitur an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Noch heute sagt sie: „Es ist wichtig, diesen Beruf zu erlernen. Man muss seine Werkzeuge kennen, wissen, wie man Sprache anwendet und wie der Körper funktioniert. Es irritiert mich, wenn Leute sagen: ,So, jetzt stelle ich mich mal vor die Kamera.’ Ich finde, dass die Ethik des Berufs verloren gegangen ist.“ Während ihres Studiums bekam sie den ersten Sohn, von ihrem Kommilitonen Devid Striesow. Danach lernte sie Bernd-Michael Lade kennen, mit dem sie seit zehn Jahren verheiratet ist. Statt sich Eheringe zu schenken, haben sich beide einen Drachen am Unterarm tätowieren lassen, nach dem gemeinsamen chinesischen Tierkreiszeichen. Vor einem Jahr haben sie das Wort „Trust“ dazugeschrieben. Vertrauen.

Im "Polizeiruf 110 "spielt sie Hauptkommissarin Olga Lenski

Es fällt auf, wie wenig Maria Simon über ihre Arbeit spricht, und wenn, dann nur, wenn sie danach gefragt wird. In dem Kinofilm und Ost-West-Panorama „Lichter“ spielte sie eine junge Dolmetscherin, in dem Schmugglerdrama „Kleine Schwester“ eine ehrgeizige Beamtin vom Bundesgrenzschutz, und im ZDF-Thriller „Kongo“ war sie eine energische Soldatin. Trotz ihrer unterschiedlichen Rollen bleibt Maria Simon immer spürbar Maria Simon. Man könnte auch ihren Lieblingsschriftsteller B. Traven zitieren: „Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert.“

Seit drei Jahren ermittelt sie als Hauptkommissarin Olga Lenski für den „Polizeiruf 110“ aus Brandenburg. In Jeans, Bluse, losem Jackett. Unaufgeregt und unprätentiös. Olga Lenski braucht keine Stunts und wilden Autofahrten, sie joggt auch nicht um den Scharmützelsee. „Ich möchte Schnelligkeit und Härte vermeiden“, sagt Maria Simon. „Olga ist eine empathische Figur. Für mich ist die Rolle wie ein Sprachrohr. Ich transportiere mit ihr eine Haltung, die ich selber vertrete.“ In „Wolfsland“ klärt sie den Mord an einem Tierarzt auf. Maria Simon sagt, dass sie ihren Beruf liebt, aber es sei nicht so, dass sie ständig und alles spielen müsse. Es sei denn, sie würde feststellen: Scheiße, wir haben keine Kohle mehr auf dem Konto.

„Polizeiruf 110“, ARD, Sonntag, um 20 Uhr 15

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