Medien : Marktmacht, Meinungsmacht?

Was aus dem Kauf des TV-Konzerns ProSiebenSat1 durch Springer folgt

Joachim Huber

Deutschlands größter Zeitungskonzern kauft Deutschlands größten Fernsehkonzern. Wie viel Medienmacht entsteht aus so viel Marktmacht? Michael Konken, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, argwöhnt: „Eine solche Medienmacht in einer Hand ist verheerend für die Meinungsvielfalt“. Deutschland brauche kein Springer TV, „sondern Meinungsvielfalt statt Einheitskost“.

Konken und andere Skeptiker gehen davon aus, dass es künftig eine Kampagne nach der anderen aus dem größer gewordenen Medienhaus geben werde. Das einfachste Beispiel: die CDU-Politikerin Angela Merkel zugleich in der auflagenstärksten Zeitung des Hauses, in der „Bild“, im zuschauerstärksten Fernsehprogramm Sat 1, gerne auch im Nachrichtenkanal N 24, in der seriösen „Welt“ und, und, und. Und alle lieben Angie?

Eine so einfache Annahme übersieht die Komplexität der Aufgabe. Auch Springer muss erst einmal beweisen, dass das Unternehmen, anders als die Visionäre der Daimler-Chrysler AG, mit einem integrierten Konzern erfolgreich arbeiten kann. Daimler-Chef Jürgen Schrempp kaufte den US-Autobauer Chrysler und danach den japanischen Hersteller Mitsubishi. Was in der Vorstellung der Manager nach Welt AG aussah, ist heute ein krisengeschütteltes, deutsch-amerikanisches Unternehmen.

Nun muss das beim neuen Medienkonzern Springer so nicht kommen. Aber schon die Geschichte anderer Medienhäuser ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte, als es um das Herausmendeln aus dem Kerngeschäft ging. Das TV-Standbein mit der RTL Group ist der Bertelsmann AG, einem Printhaus, schön angewachsen, der nach der Wende verwirklichte Traum, auch im Zeitungssektor zu reüssieren, ist ausgeträumt. Die FAZ hat wie andere Verlagshäuser in Radio und TV investiert und sich darüber beinahe ruiniert.

Die Geschichte des Axel Springer Verlages selbst ist reich an Fernsehträumen und arm an Fernseherfolgen. Verlagsgründer Axel C. Springer träumte bereits vom integrierten Print- und Fernsehhaus, und als er 1964 das ZDF nicht kaufen konnte, beteiligte er sich später an der Gründung von Sat 1, das über Jahre verlustreich blieb. Aus späteren Versuchen, die im Printbereich nachgewiesene journalistische Kompetenz in TV-Programme zu übertragen, ragt der Flopp des Magazins „Newsmaker“ im Programm von Sat 1 1999 heraus. Das große Ziel, die Marke eines Axel Springer TV fest im Fernsehen zu etablieren, scheiterte, die für Eigenproduktionen gegründete Firma Axel Springer TV wurde eingestellt. Fernsehen ist nicht Print. „Spiegel TV“ tritt anders auf als das Magazin „Der Spiegel“, „Stern TV“ und der „Stern“ sind keineswegs identisch. Heterogene Publika, keine vergleichbare Wahrnehmung, andere Konkurrenzsituation. Ein Produkt für viele, stromlinienförmige Produkte für alle – so einfach ist der Konsument nicht zu packen. Und so plumpe Parteien- und Politiker-Werbung, wie sie Sat 1 1994 für Helmut Kohl mit dem Format „Zur Sache, Kanzler“ betrieben hat, die sieht er erst mit Neugier und dann übersieht er sie.

Natürlich verweist „Spiegel TV“ auf den „Spiegel“, und hier wird sich für das Medienhaus Springer manches im Feld der cross-medialen Promotion anbieten. Es ist kaum länger denkbar, dass die „Bild“-Zeitung gemeinsam mit dem neuen Fernsehkonkurrenten RTL „Superstars“ generiert und Dschungelcamper promoviert. Da werden künftig sehr viel häufiger Sat 1 und Pro 7 gefragt sein. Aber für eine Boulevardzeitung, die sich jeden Tag am Kiosk ihre Käufer suchen muss, gilt weiter die Maxime: Die beste Geschichte gewinnt. Sehr zum Ärger von Sat1 arbeitete die Redaktion nur zu gerne mit RTL zusammen, weil dort eben die publikumsträchtigen TV-Aktionen gefahren wurden.

Zu mehreren Verschränkungen kann es zwischen den neuen Springer-Einheiten kommen: Erst einmal zu übergreifenden Anzeigen-Kombis; dann zu exklusiver Produktion von Nachrichten aller Art und Ausbeutung über eine verlängerte Verwertungskette. Wenn also ein Schröder-Interview erst in einem Springer-Medium geführt und dann multimedial verwertet wird. Da hat das Haus mehr Möglichkeiten als je zuvor, über seine Marktmacht publizistische und ökonomische Effekte zu erzielen. Oder die TV-Zeitschriften des Hauses schieben TV-Produktionen des Hauses an. Oder das Boulevardmagazin „Blitz“ mutiert zu „Bild-TV“.

Viel Spekulation und eine Gewissheit: Die Springer-Manager müssen noch beweisen, dass sie Fernsehen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben