Medien : Martin Lettmayer im Interview: "Ich sehe mein Vorgehen als seriös an"

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Martin Lettmayer, 36, arbeitet seit zwölf Jahren als Journalist. Er schrieb unter anderem für den österreichischen "Standard", die Schweizer "Weltwoche" und die "tageszeitung". Seine Fernsehbeiträge liefen auch bei "stern tv". Seit 1995 ist er für das Magazin "Akte" des Senders Sat 1 tätig.



Herr Lettmayer, haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Fernsehbeitrag über Kokainspuren im Bundestag so viel Wirbel auslöst?

Ich habe das unterschätzt. Als Österreicher habe ich nicht so eine Beziehung zum Reichstag. Ich bin da ohne diese natürliche Hochachtung - wie ein Deutscher sie haben mag - rangegangen. Und was das in der Bevölkerung ausgelöst hat, habe ich nicht erwartet, auch nicht in der Presse. Mich hat fast jeder Taxifahrer darauf angesprochen. Die Aussage war immer: Ich habe verdammt noch mal das Recht, mich nicht von bekifften Politikern regieren zu lassen.

Die Bundespressekonferenz, also der Verein der bundespolitischen Berichterstatter, hat sich inzwischen von Ihrem Vorgehen distanziert. Ist das seriös, Wischproben von den Toiletten zu nehmen?

Ich glaube, es war Hanns Joachim Friedrichs, der mal gesagt hat: Der Journalist macht sich mit nichts gemein. Wenn sich die Bundespressekonferenz ungeprüft mit den Aussagen der Bundestagspressestelle gemein macht, liegen die im gleichen Bett. Funktioniert da noch die so genannte vierte Gewalt der Medien? Ich sehe mein Vorgehen als seriös an. Es gibt in diesem Land kein Gesetz, das sagt, ein journalistisches Ergebnis darf nur dann veröffentlicht werden, wenn es notariell beglaubigt ist und dem Bundestag gefällt. Die Redaktion hat sich von einem der erfahrensten Wissenschaftler, dem Professor Fritz Sörgel, beraten lassen. Wir haben nichts Böses gemacht, auch wenn man uns das unterstellen will.

Wie kam das Kokain in den Reichstag?

Auf die Frage habe ich natürlich keine Antwort. Aber Sörgel sagt, es sei unmöglich, dass es anders dort hingekommen ist als durch Menschen. Wenn es nicht der liebe Gott war oder Wanderameisen, dann waren es wahrscheinlich Menschen.

Man hätte schon vor dem Dreh in den Toiletten Spuren legen können.

Diese Unterstellung ist infam. Wir haben alle Rechercheschritte offen gelegt. Wer jetzt unterstellt, die Redaktion habe Kokain schon vor Monaten in den Reichstag gebracht, ist charakterlos. Das ist so, als würde man Internet-Kinderpornojägern der Polizei eine gewisse Affinität zu den Darstellungen unterstellen. Nach dem Motto: Wer sonst schaut sich sowas freiwillig täglich acht Stunden an.

Trotzdem: Das Bundeskriminalamt sagt, es sei unseriös, dass Sie die Proben ohne Handschuhe genommen haben.

Es ist klar, dass ich als Journalist im Reichstag nicht Spuren sichern kann wie das BKA. Dessen Gutachten spricht von Stäuben. Wir haben aber keine Stäube, sondern Anhaftungsspuren von Kokain in geringster Konzentration sichergestellt. Zweitens hätte das BKA nach der Sendung mit seinen Methoden auch auf Spurensuche im Reichstag gehen können. Das hat man nicht getan, und man wird wohl gewusst haben warum.

Sie selbst sind nicht immer durch journalistische Sorgfalt aufgefallen. In Ihrem Film "Verschlusssache Atomtod - Chronik einer verschwiegenen Strahlenkatastrophe im Ural" haben Sie Filmsequenzen eingebaut, die nicht dem realen Bildmaterial entsprochen haben.

Damals ist Folgendes passiert: Ich wurde durch einen "Spiegel"-Artikel 1993 auf einen Atomunfall 1957 im Ural aufmerksam. Ich habe einem Produzenten vorgeschlagen, dort eine Reportage zu drehen. Das war eine Auftragsproduktion für den MDR. Ich als Auftragsautor habe ein ordentliches Produkt abgeliefert. Und zwar mit selbstgedrehten Bildern aus dem Ural. Klar, das Motiv vom Atompilz habe ich natürlich aus dem Archiv geholt. Bei der Filmabnahme hatte man den Wunsch geäußert, eine Sequenz im Kinderkrankenhaus zu verlängern. Ich hatte aber nur etwa sechs Kinder dort gefilmt. Der Auftraggeber hat dann den Film mit Archivbildern verändern lassen. Ich habe nichts abgegeben, was nicht wahrhaftig ist. Der Veränderungswunsch kam vom Sender beziehungsweise vom Produzenten. Ich hatte darauf keinen Einfluss.

Sie haben von 1994 bis 1997 für "stern tv" gearbeitet, wo Ende 1995 Michael Born mit Fälschungen aufflog. Wussten Sie vorher davon?

Nein. Wir waren damals alle überrascht. Die damalige Chefredaktion hatte mit dem Mann fünf Jahre lang zusammen gearbeitet. Da entwickelt sich eben Vertrauen. Andererseits, es war sicher ein reinigendes Gewitter für den deutschen Fernsehjournalismus.

Fühlen Sie sich nach Ihrem Kokain-Beitrag diskreditiert?

Ja. Einen schlechten Ruf hat man immer dann, wenn einer darüber spekuliert. Ich verstehe nicht, warum zum Beispiel "Spiegel-TV" oder der Herr Leyendecker von der "Süddeutschen Zeitung" in der

vergangenen Woche nicht mit mir gesprochen haben ...

Man hatte Sie eine Woche lang abgeschirmt. Sie waren auch für uns nicht erreichbar.

Die Herren Aust und Leyendecker haben das nicht versucht. Ich war in der aktuellen Produktion sehr beschäftigt. Und ich habe schlechte Erfahrungen mit Medien.

Wie viele Filmbeiträge haben Sie gedreht?

Zwölf Jahre Arbeiten, im Jahr zwischen 25 und 30. So 400 bis 500 Filme.

Kokain war schon einmal Ihr Thema.

Der Wischtest auf dem Oktoberfest. Das waren irrsinnige Werte. Darauf reagierte aber niemand. Dann kam die Affäre Daum. Es wird momentan so getan, als ob der Daum der Einzige wäre, der in diesem Land Kokain konsumieren würde. Dass quer durch alle Schichten Kokain genommen wird, will niemand wissen.

Wo möchten Sie denn gern noch mal wischen gehen?

Nirgendwo. Das grundsätzliche Problem ist erkannt. Auch bei Herrn Thierse und den Abgeordneten. Die sollten jetzt darüber mal in Ruhe nachdenken.

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