Medien : Massenkommunikation 2000: 502 Minuten für die Medien

Joachim Huber

Der Medienkonsum der Deutschen ist in den letzten 20 Jahren beträchtlich gestiegen. Widmete sich 1980 jeder Bundesbürger ab 14 Jahren täglich 309 Minuten den Medien, so sind es 20 Jahre später 502 Minuten. Dies weist die Studie "Massenkommunikation 2000" aus. Der Anstieg der Mediennutzung um 60 Prozent wird noch übertrumpft von einem ungleich höheren Anstieg des Medienangebots, allein bei Hörfunk und Fernsehen gab es im gleichen Zeitraum eine Verzehnfachung. Dass die Erhöhung der Nachfrage aber hinter der Ausweitung des Angebots zurückbleibt, bringt die Autoren Christa-Maria Ridder und Bernhard Engel zu der Schlussfolgerung "einer gestiegenen inter- und intramedialen Konkurrenz bei gleichzeitiger Fragmentierung der Nutzerschaft". Ein TV-Programm befindet sich dann mit zahllosen weiteren TV-Programmen ebenso im Wettbewerb wie mit anderen Medien.

502 Minuten pro Tag, das sind satte achteinhalb Stunden, die pro Tag den Medien gewidmet sind. Eine schier unglaubliche Zahl, die vor allem die Quantität der Nutzung erfasst. 502 Minuten sind "Bruttozeiten", die parallele Medien-Aktivitäten unberücksichtigt lässt. Gerade der Hörfunk ist ein klassisches Nebenbei-Medium, wie Ekkehardt Oehmichen in der derselben Ausgabe der "Media Perspektiven" (3/2001) ausführt: Weniger als zehn Prozent der Radionutzer hören nur Radio, wenn sie den Apparat eingeschaltet haben. Bruttozeit hin, Nebenbei-Nutzung her, auf Hörfunk und Fernsehen entfallen knapp 80 Prozent der täglichen Medienzeit. Das Internet beanprucht täglich 13 Minuten, was drei Prozent des Medienbudgets entspricht. Stabile bis leicht steigende Werte im Vergleich zur "Massenkommunikation 1995" können die Tageszeitung und das Buch für sich reklamieren. An jedem Durchschnittstag wird die Tageszeitung 30 Minuten lang gelesen ("Massenkommunikation 1995": 30 Minuten), das Buch 18 Minuten (1995: 15 Minuten).

Die Dauer der Zuwendung zu einem Medium sagt noch nichts aus über die Motive. Insbesondere das Fernsehen kann auf Zuschauer setzen, die sich gleichermaßen informieren wie unterhalten wollen. 92 Prozent schalten ein, "um sich zu informieren", 84 Prozent, "weil es mir Spaß macht", noch 79 Prozent führen als zentrales Nutzungsmotiv an, "weil ich dabei entspannen kann".

Beim Hörfunk verändert sich die Rangfolge. Auf Platz eins wird der Spaß gesetzt (90 Prozent), Rang zwei bekommt die Information zugewiesen (86 Prozent), Platz drei die Entspannung (80 Prozent). Die Platzierung der gewohnheitsmäßigen Nutzung ("weil es aus Gewohnheit dazugehört"/63 Prozent) unterstreicht nach Ansicht von Ridder/Engel "die starke Einbindung des Hörfunks in den Alltagsablauf der Bundesbürger".

Zeitungsleser positionieren ihr Medium sehr viel deutlicher im Informationsbereich. Klar vorneweg ist das Nutzungsmotiv "weil ich mich informieren möchte" mit 98 Prozent, Rang zwei behauptet "damit ich mitreden kann", Platz drei das Motiv "weil ich Denkanstöße bekomme" (70 Prozent). Dass die Tageszeitung nicht nur informieren, sondern auch unterhalten sollte, zeigt Rang vier des Motivs "weil es mir Spaß macht" (67 Prozent), recht dicht gefolgt von der Orientierungs-Aufgabe "weil es mir hilft, mich im Alltag zurechtzufinden" (51 Prozent).

Das noch junge Internet ist bei der Motivlage seiner Nutzung dicht dran an den klassischen Medien. Der erste Platz entfällt mit weitem Abstand auf "weil ich mich informieren möchte" (93 Prozent), der zweite Platz wird der Funktion "weil es mir Spaß macht" (80 Prozent) zugewiesen, der dritte Zuwendungsgrund heißt "weil ich Denkanstöße bekomme" (66 Prozent).

Die jeweiligen Nutzungsmotivationen der vier Medien zeigen deutlich, dass das Fernsehen als das am stärksten multifunktionales Medium angesehen (Information plus Spaß plus Entspannung) wird, während das Radio ein Profil aufweist, das "sich mit Tagesbegleitung und Stimmungsmanagement beschreiben lässt". Anders wieder die Tageszeitung, die eine konzentrierte Zuwendung verlangt und deren Nutzer Ridder/Engel als "rational-informationsorientiert" einstufen.

Bei solchen Ergebnissen scheint sich eine "Konstante der Kommunikationsgeschichte" zu bestätigen, "dass noch niemals ein neues Medium ein altes verdrängt hat". Bei den meisten Nutzern addiere sich die Zeit, die einem neuen Medium - wie dem Internet - gewidmet werde, zum großen Teil zum bisherigen Zeitbudget hinzu. Ähnliches gilt für die Nutzungsmotive. Fernsehen, Hörfunk, Tageszeitung und Internet befriedigen - bei allen Schnittmengen - unterschiedliche Bedürfnisse, so dass kein Medium ein anderes schlichtweg ersetzen kann. Jedes Medium besitzt in den Augen der Nutzer individuelle, ergänzende Funktionen.

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