Matthias Matussek : "Ich bin doch kein Böser“

Ende 2007 bekam er den "Goldenen Prometheus" als Onlinejournalist des Jahres": Matthias Matussek über seinen Videoblog, Klassiker und den Rausschmiss als "Spiegel“-Kulturchef.

Matussek Foto: dpa
Matthias Matussek -Foto: dpa

Herr Matussek, seit über 20 Jahren schreiben Sie für den „Spiegel“. Wieso müssen Sie auch noch bloggen?

Das war eine Idee von dem Fernsehproduzenten Walid Nakschbandi. Der hatte mich in irgendeiner Talkshow gesehen …

… bestimmt nicht im „Presseclub“ …

… war das so schlimm? Seitdem bin ich der „brüllende Deutsche aus dem Presseclub“.

„Handelsblatt“-Vize Roland Tichy hatte Sie als „Nationalist“ bezeichnet.

Das war das Äquivalent zu einem Bauchschuss. Mein Buch „Wir Deutschen“ ist ein linkspatriotisches Buch in der Tradition von Heine und Börne. Und Tichy hat aus mir einen „engstirnigen Nationalisten“ gemacht – ohne das Buch gelesen zu haben, wie er mir vor der Sendung sagte. Da musste ich laut werden, und das hat ein Medienjournalist so mit Schlagseite aufgeschrieben, dass ich das nicht wieder los kriege.

Die anschließende Debatte hat Ihrer Karriere gut getan.

Ich hoffe, das waren meine Bücher, das „Palasthotel“, meine Geschichten über Lady Di oder die „Vaterlose Gesellschaft“. Ich glaube nicht, dass ich erst als „Nationalist“ bekannt werden musste. Ich war naiv. Ich bin nach zwölf Jahren Ausland nach Deutschland gekommen, um es zu lieben – so wie es die Amis, die Briten mit ihrer Nation tun. Ich bin dafür verprügelt worden.

Zurück zu „Matusseks Kulturtipp“.

Ja. Nakschbandi fand mich meinungsstark, und ich fand die Idee spannend. Dann sagten der „Spiegel“-Chef Stefan Aust und Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von Spiegel Online: „Wenn, dann machen Sie das für uns.“

Sonst keine Vorgaben?

Doch, doch, Aust sagte: Nichts Persönliches ausbreiten, niemals „Ich“ sagen, auf Kulturtipps beschränken. Nach zehn Folgen war ich beim Inneren Monolog angekommen, nach zwanzig Folgen habe ich mich dann ausgezogen und Elvis imitiert.

Der frühe Matussek war langweilig?

Ja, dieses Schnurgerade-in-die-Kamera-Reden kann Ulrich Wickert nun mal besser, das finde ich sturzlangweilig. Und er findet mich rabaukig. Wir müssen mal wieder Tennis spielen.

Haben Sie Ihre Kamera immer dabei?

Sicher, ich mache auch alle Einspieler selbst. Irgendwann war ich im Harz auf dem Brocken und habe gedacht, man könnte doch noch einmal dieses „Blair Witch Project“ nachspielen – mit Goethe und der Walpurgisnacht. Ich bin wie ein Junge in der Pubertät, ich spiele gerne.

Das klingt nach dem Harald Schmidt von 2003, der mit Playmobil-Figuren den „König Ödipus“ nachspielt.

Genau das ist die Idee. Die Hochkultur in triviale Zusammenhänge zu bringen und zu sagen: Guck mal, ist gar nicht so tot. Ich habe mit dem Autor Robert Löhr mit Puppen seinen Roman über Brentano und Kleist nachgespielt und das Regietheater verarscht. Mein Blog-Produzent Jens Radü hat das glänzend zusammengeschnitten. Da wurde gekotzt, dass es ein Vergnügen war.

Wie ist es nun: Machen Sie das Große klein oder das Kleine groß?

Es ist ja nicht so, dass ich nur blödele. Der eigene klassische Kanon ist in Zeiten der Globalisierung wichtiger als je zuvor, das ist meine Überzeugung. Und wir haben ja all diese tollen Dramen und Gedichte und philosophischen Spekulationen, die alle bitteschön zur Kenntnis nehmen sollen, weil nicht alles Pop sein darf, sonst zündet gar nichts mehr. Wir sind eine Kulturnation.

Und Sie sind ihr Prophet?

Goethe ist Allah, und ich bin der Prophet.

Sie haben eine wahnwitzige Bildung, warum begraben Sie die im Blog unter einer Tonne Albernheiten?

Was meinen Sie, wie albern Heine ist! Der war immens gebildet, und er nutzte die Bildung, um sein Publikum auf höchstem Niveau zu unterhalten. „Die romantische Schule“ ist gleichzeitig Philosophie und Klatsch und Tratsch.

Es ist nicht lange her, da gab es nicht einmal Autorennamen unter den „Spiegel“-Texten und jetzt …

… gibt es bloggende Kulturchefs. Die dann allerdings auch gefeuert werden. Irgendwann ging es – besonders einigen Popleuten in meinem Ressort – auf den Keks, wie sie mir jetzt gestanden. Die fanden das einen ganz fürchterlichen Ego-Trip. Dabei dachte ich immer, dass Pop mit Ego zu tun hat. Andere Kollegen finden es toll. Als ich in einer Folge des Blogs mal übers Aufhören sinnierte, riefen mir Leute in der Kantine zu, ich solle unbedingt weitermachen.

Hat Sie der Blog nur intellektuell oder auch körperlich eitler gemacht?

Wäre toll, wenn er mich in Form hielte. Leute, ich bin über 50.

Sie strahlen schon wieder, hat Sie gerade jemand erkannt?

Ja, die alte Dame da hinten. Die verwechselt mich mit Günter Pfitzmann.

Ein Liebling des Volkes also. Aber beim „Spiegel“ sind Sie trotzdem als Kulturchef abgesägt worden.

Ich habe sicher bisweilen zu viel verlangt, aber ich bin kein Böser, und am meisten habe ich von mir selber verlangt. Ich war oft ungeduldig, aber ich begeistere mich auch sehr, und alle waren durchaus mit Leidenschaft dabei. Die Kultur hatte im letzten Jahr mehr Titelgeschichten als je zuvor, und die meisten sind in Teamarbeit entstanden. Wir haben jeden Morgen konferiert, um aus der Woche heraus Aufmacher zu erfinden, alles brummte.

Und dann?

Tja, und dann lagen eines Tages die Nerven blank. Es ging alles ein bisschen drunter und drüber. Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe – ich war nie ein Mann des Betriebs. Trotzdem hatten wir Spaß. Wir haben einfach mal sechs Seiten über Hegel geredet oder den neuen Pynchon von fünf Rezensenten besprechen lassen. Das Aus kam für mich überraschend, aber meine Frau freut sich. Sie glaubt, ich lebe dadurch länger. Wahrscheinlich hat sie Recht.

Man merkt Ihnen an, dass der Rausschmiss an Ihnen nagt. Spüren Sie Schmerz?

Na klar. „Spiegel“-Feuilletonchef, das ist überhaupt das Größte im Print im Kulturbereich. Man kann Themen setzen, man hat ein Riesen-Megaphon, das hat einen beträchtlichen Zauber. Und man fand, dass ich es kann – man hatte mir ja gerade den Vertrag verlängert.

Wir dachten, Sie gehen nach dieser Kränkung ins Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Unvorstellbar, da gibt es doch andere Primadonnen. Im Übrigen bin ich glücklich beim „Spiegel“.

Sie haben doch sicher darüber nachgedacht zu gehen. Was hat Sie gehalten?

Auch der kluge Rat meiner klugen Frau. Als Kerl hast du ja manchmal die große Heldengeste drauf, und dann stehst Du plötzlich draußen und denkst irgendwann, ach nee, wie komme ich da jetzt wieder rein? Ich bin seit über 20 Jahren dabei. Der „Spiegel“ und ich: Wir waren gut füreinander. Und wir bleiben es. Ich kann hundert verschiedene Leben führen: Nachts mit Perus gescheitertem Präsidenten Fujimori im Palast reden oder bei Premier Blair in Downing 10 sitzen.

Welchen Blogger lassen Sie neben sich gelten?

Und das ist es eben: Es gibt keinen wie mich. Wie kann ich da jemanden gelten lassen?

Vielleicht Franz Josef Wagner. Was passiert, wenn der Briefe-Schreiber von der „Bild“-Zeitung zu bloggen anfängt?

Der würde mich in Grund und Boden bloggen. Franz-Josef, hörst du, solltest du anfangen zu bloggen, verfluche ich den Tag, an dem du geboren bist. Dann bin ich beschäftigungslos und werde arm und hässlich im Ausland sterben.

Das Interview führten Joachim Huber und Tim Klimeš.

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