"Maybrit Illner" im ZDF : Thüringen, Gauck und die Angst vor roten Socken

"Wer hat noch Angst vor roten Socken?" fragt Maybrit Illner und überrascht unseren Fernsehkritiker mit einer handfesten und intensiven Gesprächsrunde und erfrischend dünner Phrasendichte - trotz zunächst dröge wirkender Gästeliste.

Richard Weber
Die Talkrunde bei Maybrit Illner. Screenshot: TSP
Die Talkrunde bei Maybrit Illner.Screenshot: TSP

„Kann man 25 Jahre nach dem Mauerfall einen Linken zum Ministerpräsidenten wählen? Unter tätiger Mithilfe der Sozialdemokratie. Ist das Verrat an der friedlichen Revolution oder politischer Pragmatismus?“ Einstiegsmonolog Maybrit Illner. Zwar telepromptergestützt, aber mit typischer llner-Ironie serviert. Trotzdem. Sie ist die Dritte im Bunde, die sich auch über das ziemlich abgefieselte Thema hermacht. Plasberg talkte „Hart aber langweilig“ darüber. Bei  "Anne Will" gingen die Diskutanten lautstark aber erkenntnislos auf-einander los. Und Sandra Maischberger hatte Herbstpause.

Das ZDF schließt die Plauderwoche ab, Aufguss Nummer Drei. Titel: „Einigkeit und Recht und Unrecht. Wer hat noch Angst vor roten Socken?“ Gefühlt frech formuliert. Die Gästeliste - das Gegenteil. Überraschungslos. Erwartbar. SPD-Urgestein Klaus von Dohnanyi, der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer, "Die Welt"-Herausgeber Stefan Aust, CDU-Generalsekretär Peter Tauber und Linke-Vorsitzende Katja Kipping. Kipping und Tauber, sonst eher ausdauernde Produzenten üblicher Partei-Politik-Sprechblasen.

Darf der Bundespräsident sich einmischen?

Erster Themenpunkt. Die Aussagen des Bundespräsidenten Gauck zur Linkspartei. „Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?“ Für Kipping unmöglich. Extreme Verletzung des Neutralitätsgebotes. Von Dohnanyi gesteht Gauck dagegen zu, das der sich zu allem äußern kann, was er wichtig findet.

Von Dohnanyi hat nicht mal Angst, das Bodo Ramelow zusammen mit den Grünen und der SPD in Thüringen einen Überwachungsstaat errichtet.  Das wirkliche Problem. Das große Problem. Ramelows wirtschafts- und unternehmerfeindliche Programm. Neben dem ganzen Gesinnungs-Geeiere endlich mal ein pragmatisch-gutes Argument von Dohnanyi. Kipping hat mit dem Vorwurf nicht gerechnet, gerät ins Schwimmen. Beruft sich aufs "Handelsblatt". Merkt. dass das für eine Linke ein No-Go ist. Und Fuchs Dohnanyi schnappt zu: „Sie nehmen, was sie kriegen können, oder?“ Großer Lacher. Selbst Kipping lacht mit.

War die DDR ein Unrechtsstaat?

Nächste Thema. Die Linke soll endlich öffentlich bekennen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Kipping argumentiert mit den Blockparteien, die auch Teil der DDR-Unterdrückung waren und sich von ihrer Vergangenheit nicht richtig losgesagt hätten. Starker Widerspruch von Peter Tauber. Da droht es wieder parteipolitisch langweilig zu werden. Aber dann kommt Kipping mit einer bedenkenswerten Erklärung rüber. Intensiv geforderte Bekenntnisse sind DDR-Bürgern aus der Vergangenheit eher verhasst und haben einen unangenehmen Beigeschmack. Selbst der berüchtigte Gessler-Hut aus Schillers "Wilhelm Tell" wird bemüht. Der Hut auf einer Stange musste von jedem einheimischen Untertanen beim Vorbeigehen gegrüßt werden.

Schiller, Tell und ein Grüßhut. In einer Talksendung? Es wird richtig intelligent. Stefan Aust bringt auch noch einen weiteren interessanten Gedanken in die Diskussion ein. Für ihn hatte die PDS die wichtige, historische Aufgabe, die alten Kader der SED an die Hand zu nehmen und sie in die neue Demokratie zu führen. So wurde der Machtapparat der DDR, zwar teilweise ohne Anklage, aber immerhin friedlich aufgelöst. Fazit: Eine handfeste und intensive Gesprächsrunde. Die Phrasendichte erfrischend dünn. Neue Denkanregungen. Der dritte Talk der Woche, auf jeden Fall der beste.

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